Ein Meer ohne Strand

Zum 150. Geburtstag von Else Lasker-Schüler: „Immer muß ich wie der Sturm will, / Bin ein Meer ohne Strand.“ In dieser Strophe des Gedichts „Nur dich“ hat Else Lasker-Schüler wohl auch eine Grunderfahrung ihres eigenen Lebens formuliert.

Gedanken für den Tag 13.2.2019 zum Nachhören:

Der frühe Verlust der Mutter, der Tod des einzigen Sohnes an Tuberkulose, zwei Ehen, die nicht von Dauer waren, und der Tod engster Freunde im Ersten Weltkrieg – das sind Eckdaten ihres Lebens, aus denen sich diese Erfahrung speist: „Immer muß ich wie der Sturm will, / Bin ein Meer ohne Strand.“

Cornelius Hell
ist Literaturkritiker und Übersetzer

Aber dieses Meer hat einen Himmelskörper gefunden, der es anzieht: den Mond. Mit dem Mond, der schon seit Goethe durch so viele Gedichte leuchtet, beginnt Else Lasker-Schülers Gedicht „Nur dich“.

Nur dich

Der Himmel trägt im Wolkengürtel
Den gebogenen Mond.

Unter dem Sichelbild
Will ich in deiner Hand ruhn.

Immer muß ich wie der Sturm will,

Bin ein Meer ohne Strand.

Aber seit du meine Muscheln suchst,
Leuchtet mein Herz.

Das liegt auf meinem Grund

Verzaubert.

Vielleicht ist mein Herz die Welt
Pocht –

Und sucht nur noch dich –
Wie soll ich dich rufen?

„Wie soll ich dich rufen?“ – Wieder ist es eine Frage, mit der ein Liebesgedicht von Elsa Lasker-Schüler endet. Eine Frage, die signalisiert, dass zwei Menschen auch in der Liebe nicht verschmelzen und vor allem: dass sie sich nicht fraglos selbstverständlich werden. Dass etwas brennend Unbekanntes bleibt und der Name nicht ein für alle Mal feststeht.

Aber da ist noch eine andere Frage – oder eher eine unbändige Hoffnung, denn der Satz hat kein Fragezeichen: „Vielleicht ist mein Herz die Welt“. Das Schöne an der Liebe ist ja nicht nur, dass man dann nicht mehr alleine ist, sondern dass man hineingenommen wird in eine Ekstase, die auch das Paar übersteigt, das sie erlebt. Darum haben gerade auch Dichterinnen und Dichter diese Ekstase oft in religiösen Bildern beschrieben – auch Else Lasker-Schüler spricht ja vom Himmel.

Buchhinweis:

Cornelius Hell, „Ohne Lesen wäre das Leben ein Irrtum. Streifzüge durch die Literatur von Meister Eckhart bis Elfriede Gerstl“, Verlag Sonderzahl (ab März 2019)

Musik:

Volkan Yilmaz/Ney, Ensemble Sarband unter der Leitung von Vladimir Ivanoff und Concerto Köln unter der Leitung von Werner Ehrhardt: „Introduction“ - für Ney < türkische Rohrflöte > aus: DER TRAUM VOM ORIENT / Concerto Köln, Sarband von Joseph Martin Kraus
Label: DG Archiv Produktion 4741932