Die Gabe des Reichen

Vor einigen Jahren war ich zu einer Konferenz in den Vatikan geladen. Nicht vom Papst, sondern von einer Gesellschaft für Philanthropie, das ist eine Vereinigung von sehr reichen Menschen, die sehr armen Menschen etwas Gutes tun will.

Gedanken für den Tag 5.4.2019 zum Nachhören (bis 4.4.2020):

Ich kam dort neben einem Spross einer weltbekannten Milliardärsfamilie zu sitzen, in einem Arbeitskreis zum Thema Recht und Philanthropie. Und wie wir so sitzen und reden, meinte der reiche Mann, das Schlimmste sei die Steuerlast für die Reichen, die sie an ihrer Philanthropie hindere - und ihn selbst ganz besonders. Die anderen Philanthropen nickten heftig Beifall.

Das war sehr eindrucksvoll in der Szenerie im Vatikan, gleichsam am Brückenkopf zum Himmelreich und nur ein Schelm hätte an die Geschichte mit dem Kamel gedacht, das eher durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in den Himmel kommt.

Oliver Tanzer
ist Wirtschaftsjournalist und Buchautor

Wer durch das Nadelöhr passt

Ich erinnerte mich hingegen an einige archaische Kulturen Samoas und Neuseelands, in denen regelrechte Gaben-Wettkämpfe ausgetragen wurden. Ein jeder versuchte dort, die anderen im Geben zu übertrumpfen und damit Ehre zu gewinnen. Es ging dabei vordergründig um die gesellschaftliche Stellung. Aber hintergründig um ein für uns unvorstellbares Umverteilungsmodell. Die Ehre gebührte dem, der alles gab und nichts behielt. Und so wirkte eine unsichtbare Hand gesellschaftlicher Belohnung, die allen alles zuteilte und niemanden mit nichts zurückließ.

Ich habe diese Geschichte dem Milliardär erzählt, und er war amüsiert und meinte, Europa sei halt nicht Samoa. Das stimmt. Im Nachhinein erfuhr ich, dass er speziellen Schmuck für seinen guten Stiftungszweck entworfen hat. Von 570 Dollar Kaufpreis pro Stück gehen 100 Dollar an die Armen, 470 Dollar an den formidablen Philanthropen selbst. Die Kultur der Gabe auf Samoa ist heute übrigens tot. Aber wer weiß, vielleicht trifft sie die Philanthropie einst an der Himmelspforte, und man könnte Wetten annehmen, wer durch das Nadelöhr passt und für wen es um fette 470 Dollar zu eng ist.

Musik:

Amadou & Mariam: „On se donne la main“ von Amadou Bagayoko
Label: Polygram / Emargy 5571182