Musliminnen vorm Mikro: Seyran Ateş und Carla Amina Baghajati

Muslimische Frauen in Österreich sehen sich offenbar zusehends unter Druck, und dieser hat sie zu einer Deklaration veranlasst, die sie vor kurzem präsentiert haben.

Unter dem Titel „Musliminnen am Wort“ fordern sie darin nicht nur mehr Mitsprache und Selbstbestimmung, sondern auch weniger hitzige Debatten um das Kopftuch. 3.500 Frauen haben das unterzeichnet, die IGGÖ, die Islamische Glaubensgemeinschaft Österreichs, stellt sich hinter die Unterzeichnerinnen. Einer der Hauptkritikpunkte in der Deklaration: Die muslimischen Frauen stellen fest, ständig werde ÜBER sie gesprochen, aber selten MIT ihnen.

Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich:
„Musliminnen am Wort“

Einsatz mit unterschiedlichen Positionen für muslimische Frauen

In einer „Praxis Spezial“ diskutieren unter dem Titel „Musliminnen vorm Mikro“ bei Alexandra Mantler im Studio zwei prominente muslimische Frauen, die sich beide seit vielen Jahren für die Belange von Musliminnen einsetzen, wenn auch mit unterschiedlichen Positionen, Schwerpunkten und mit offenbar unterschiedlichen Ansichten darüber, auf welche Art und Weise der Sache der muslimischen Frauen am besten gedient wäre:

Die deutsche Frauenrechtlerin und liberale Muslimin Seyran Ateş. Die Rechtsanwältin und Imamin hat 2017 im Berliner Stadtteil Moabit eine „Liberale Moschee“ eröffnet, in der Muslime aller Glaubensrichtungen sowie Frauen und Männer gemeinsam beten. Für manche sind ihre Ansichten ein rotes Tuch und sie steht nicht umsonst unter Polizeischutz.

Und Österreichs wohl bekannteste Muslimin Carla Amina Baghajati. Sie war lange Pressesprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Jetzt ist sie Obfrau des „Forums Muslimische Frauen Österreich“.

Seyran Ates Carla Amina Baghajati Alexandra Mantler

ORF/Alexandra Mantler

Carla Amina Baghajati, Alexandra Mantler und Seyran Ateş

Die Deklaration „Musliminnen am Wort“, bei der Carla Amina Baghajati eine der Projektleiterinnen war, richtet sich auch an die eigene muslimische Community. Etwa: Männer sollten sich in der Kopftuchdebatte zurückhalten, die Frauen könnten durchaus für sich selbst sprechen. Andere Forderungen lesen sich dann eher klassisch feministisch: Da geht es um Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Arbeit gegen Gewalt an Frauen und für mehr Teilhabe und Mitsprache auch in den islamischen Verbänden und Organisationen.

Praxis Spezial
Mittwoch, 10.4.2019, 16.05 Uhr, Ö1

Kopftuchverbot, Islamismus, Frauenrechte

„Nichts Neues“ sieht dagegen Seyran Ateş in der Deklaration. Hat sie doch in Berlin im Juni 2017 eine „Liberale Moschee“ eröffnet. Männer und Frauen beten dort gemeinsam. Gleichberechtigung, Menschenrechte und Meinungsfreiheit sollen groß geschrieben werden. Auch Frauen sollen die Funktion einer Imamin ausüben. Die Eröffnung so einer „Liberalen Moschee“ hat Seyran Ateş auch für Wien angekündigt, das Projekt allerdings vorerst, weil sie derzeit mit anderen Projekten im Bildungsbereich beschäftigt sei, zurückgestellt.

Seyran Ateş ist auch Mitbegründerin der „Initiative säkularer Islam“ und zeigt sich besorgt über einen zunehmenden Islamismus. In einer Deklaration der Initiative heißt es etwa: „Wir wollen uns nicht abfinden mit der wachsenden Macht eines demokratiefernen, politisierten Islams, der die Deutungshoheit über den gesamten Islam beansprucht.“ Mit massiver Kritik war Seyran Ateş allerdings auch im vergangenen November konfrontiert worden, als sie eine Einladung des Freiheitlichen Bildungsinstituts angenommen hat, um dort einen Vortrag zum Thema „Der politische Islam und seine Gefahren für Europa“ zu halten.

Im Praxis-Studiogespräch diskutieren Seyran Ateş und Carla Amina Baghajati über Verhüllung, Kopftuchverbote, Politischen Islam, Islamophobie und Frauenrechte.

Moderation: Alexandra Mantler

Regie: Judith Fürst

Praxis 10.4.2019 zum Nachhören (bis 9.4.2020):

Mehr dazu:

Buchhinweise:

  • Carla Amina Baghajati, „Muslimin sein: 25 Fragen - 25 Orientierungen“, Verlag Tyrolia
  • Christine De Grancy, Carla Amina Baghajati, Ruud van Weerdenburg, „Tausend und eine Spur. Ein Schloss, zwei Frauen und mehr als drei Wege in den Orient“, Kultur Service Gesellschaft Steiermark
  • Seyran Ateş, „Der Multikulti-Irrtum“, Ullstein Verlag
  • Seyran Ateş, „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution. Eine Streitschrift“, Ullstein Verlag
  • Seyran Ateş, „Selam, Frau Imamin. Wie ich in Berlin eine liberale Moschee gründete“, Ullstein Verlag
  • Seyran Ateş, „Große Reise ins Feuer. Die Geschichte einer deutschen Türkin“, Rowohlt Taschenbuch
  • Seyran Ateş, „Wahlheimat. Warum ich Deutschland lieben möchte“, Ullstein Verlag

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