Ein Übeltäter

Wie schnell ist über jemanden ein Urteil gesprochen! Die „Johannespassion“ von Johann Sebastian Bach lässt keinen Zweifel: Das damalige Geschehen findet Parallelen zu heute.

Morgengedanken 16.4.2019 zum Nachhören (bis 15.4.2020):

Wir sind mitten im Prozess, den sie Jesus machen. Pilatus hat Zweifel an der Schuld Jesu. Er will von den Anklägern wissen, was er getan hat. Das Volk antwortet: „Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet“.

Brigitte Knünz
ist Leiterin der römisch-katholischen Gemeinschaft „Werk der Frohbotschaft Batschuns“ in Vorarlberg

Fakenews

Erst die Vertonung dieser Worte durch Bach bringt die Dramatik darin zum Ausdruck: Alle vier Chorstimmen beginnen versetzt und ziehen das Wort „Übeltäter“ chromatisch nach oben in die Länge. Eine Dissonanz geht in die andere über. Alles ist schräg an dieser Musik. So schräg, wie die Aussage selbst: Jesus, ein Übeltäter? Das kann doch nicht sein! Aber noch nicht genug der Unverfrorenheit: Sie wollen sich die Hände nicht schmutzig machen und berufen sich auf ihr Gesetz, dass sie niemanden töten dürfen, darum müsse das Pilatus tun.

Leider ist diese Szene sehr verwandt mit dem Phänomen, das wir heute kurz mit „Fakenews“ bezeichnen. Man streut eine Falschmeldung, um jemandem zu schaden, kalkuliert sehr genau, bis wohin es gerade noch straffrei geht, und hat damit den ersten Hieb für einen Rufmord gesetzt. Was kann das für uns heißen? Für mich dieses: Sensibel hinhören, genau prüfen, skeptisch sein, wenn Pauschalurteile fallen und hinterfragen, wenn Schlechtes über andere gesagt wird.