Mona Lisa

Menschen über Menschen. Fotografierend, skypend oder per whatsapp mit ihrer Familie in Asien oder Amerika kommunizierend. Ganz in der Ferne ein nicht allzu großes Gemälde, hinter Absperrungen und Sicherheitsglas verbarrikadiert.

Gedanken für den Tag 30.4.2019 zum Nachhören (bis 29.4.2020):

Als ich vor einiger Zeit wieder einmal den Pariser Louvre besuchte, wollten meine Kinder natürlich die „Mona Lisa“ sehen. Ein Bild, von dem sie schon so viel gehört hatten, obwohl Kunst normalerweise nicht zu den Hauptinteressen von pubertierenden Jugendlichen gehört. Ich war vollkommen gebannt von dem Volksfest, das sich vor dem legendären Renaissancebild abspielte, meine Kinder enttäuscht von dem aus ihrer Sicht gar nicht freundlichen Lächeln der Mona Lisa. Sie hatten es sich viel strahlender vorgestellt. Zu Recht bemerkten sie, dass rechts und links von Leonardos Meisterwerk so viele andere großartige Werke hängen, die im Schatten dieser Ikone der Kunstgeschichte ein wenig beachtetes Dasein führen.

Johanna Schwanberg
ist Direktorin des Dom Museum Wien

Unter der der Oberfläche der Wirklichkeit

Warum ist dieses Bild so legendär und andere nicht, war die folgerichtige Frage? Auf der Suche nach einer plausiblen Antwort begann ich wieder einmal über dieses wohl berühmteste Porträt der europäischen Kultur nachzudenken. Ein Bild, das unzählige Male neuinterpretiert oder parodiert wurde. Ein Bild, über das sich Forscher aller Jahrhunderte die Finger wundgeschrieben haben, in der Hoffnung, das Geheimnis rund um die Dargestellte wie auch das Entstehungsdatum zu lüften.

Mich interessiert allerdings weniger, ob es sich bei der abgebildeten Schönheit um eine reale historische Figur oder ein der Fantasie entsprungenes Idealbild handelt. Vielmehr fasziniert mich, dass ein Kunstwerk so ambivalent und geheimnisvoll in seiner Ausstrahlung sein kann, dass es sich auch nach 500 Jahren noch in keine Schublade stecken lässt. Die gleichermaßen ernste wie seltsam lächelnde Frau verfolgt mich mit den Augen, wo immer ich auch stehe. Sie fordert mich in ihrer Rätselhaftigkeit auf, unter die Oberfläche der sichtbaren Wirklichkeit zu schauen und zu fragen, was den Menschen zum Menschen macht. Leonardo selbst meinte dazu: „Ein guter Maler hat zwei Hauptsachen zu malen, nämlich den Menschen und die Absicht seiner Seele.“

Musik:

Nat King Cole: „MONA LISA“ von Livingston und Evans
Label: EMI 798663