Wider den Antisemitismus

Heute beginnt in wenigen Stunden die internationale Befreiungsfeier in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Sie steht unter dem Thema „Niemals Nummer. Immer Mensch.“ Ich bin dem Mauthausen Komitee Österreich und allen, die teilnehmen werden, dafür dankbar.

Im Konzentrationslager Mauthausen mit seinen über 40 Außenlagern sind mindestens 90.000 Menschen aus 13 Ländern zu Tode gekommen. Die Gefangenen der Konzentrationslager waren u.a. politische Gegnerinnen, die Bibelforscher genannten Zeugen Jehovas, Homosexelle, Jüdinnen, Roma und Sinti. Von denen hatten Juden die geringsten Überlebenschancen.

Martin Jäggle ist Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

Als Jugendlicher habe ich damals davon nichts gewusst, auch nicht um die Mitverantwortung Österreichs für die Shoa, den NS-Völkermord an der jüdischen Bevölkerung Europas. 1988 organisierte ich für das Gymnasium meiner Kinder eine Führung durch den „Mazzesinsel“ genannten 2. Wiener Bezirk. Im Jahre 1938 war die Bevölkerung dieses Bezirks zur Hälfte jüdisch, die danach vertrieben oder ermordet wurde. 1988 erinnerte fast nichts mehr daran. „Als nichts zu sehen war, mir aber die Augen aufgingen“ - so nannte ich meinen Bericht über diese Führung.

Gedenken nötig für Menschenrechte

Schon damals wollten zu viele Schluss machen mit dem ewigen Gedenken an längst Vergangenes. Doch wer an die Gräuel des Nationalsozialismus und der Shoa erinnert, setzt sich auch ein für die entscheidende Antwort darauf, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, deren Art. 1 festhält: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Wer die Erinnerung verweigert oder die damalige Zeit verklärt, wird auch die Menschenrechte schwächen.

Sendungshinweis

Zwischenruf Sonntag 5.5.2019, 6.55 Uhr, Ö1.

Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, klagte über die Wiederkehr des Antisemitismus „heute, 75 Jahre später“. Als Grund nannte er: „Die Erinnerung ist verblasst. Es wurde nicht ausreichend aufgezeigt, was in der Zeit der Gewaltherrschaft geschehen ist." Tatsächlich ist das Wissen der Bevölkerung über den Holocaust durchwegs mangelhaft. Mehr als die Hälfte der österreichischen Bevölkerung weiß nichts von der Zahl ermordeter Juden, auch der Mythos, Österreich sei bloß Opfer der Naziherrschaft, lebt weiter. 58% der jüngeren Befragten wusste bei einer Erhebung für die Claims Conference nicht, dass vom Nazi-Regime sechs Millionen Juden und Jüdinnen ermordet worden sind.

Zwei besondere Initiativen

Zwei Initiativen, die mehr tun, verdienen, besonders genannt zu werden: Seit 2015 besteht LIKRAT, das Dialogprojekt mit Jugendlichen der Jüdischen Gemeinde Wien. LIKRAT ist hebräisch und bedeutet „auf jemanden zugehen“. Auf Einladung kommen jüdische Jugendliche in eine Schule oder ein Jugendzentrum, um sich und ihr Judentum vorzustellen, Vorurteile abzubauen und ein besseres Miteinander der österreichischen Gesellschaft zu fördern.

Morgen lädt die Muslimische Jugend Österreichs in das Haus der Europäischen Union ein zur Abschlussveranstaltung ihres Jahresthemas „MuslimInnen gegen Antisemitismus“. Eine intensive Auseinandersetzung durch Bildung und Begegnung sensibilisierte muslimische Jugendliche, antisemitische Entwicklungen zu erkennen und stärkte sie zugleich, entschieden dagegen aufzutreten.