Aber trinken wird man doch dürfen?

Im Ramadan ist das bewährte „Auf einen Kaffee gehen“ schwieriger. Natürlich kann man sich weiterhin im Kaffeehaus treffen. Doch nichts zu konsumieren ist komisch. Sogar der Kellner fragt dann mitleidig: „Aber ein Leitungswasser darf ich Ihnen doch bringen?“

Gedanken für den Tag 8.5.2019 zum Nachhören (bis 7.5.2020):

So viele Gemeinsamkeiten es zwischen den verschiedenen Fastenarten der Religionen oder auch von säkularem „Heilfasten“ gibt – der Verzicht aufs Trinken ist im Islam wohl einmalig. Vielleicht ist es darum so schwer verständlich?

Gute Schule für Selbstverantwortung

Ich kann mich noch gut an mein erstes Fasten 1989 erinnern. Damals waren die Tage ähnlich lang wie derzeit. Das sei kurz erklärt: Nach dem islamischen Mondkalender verschiebt sich der Ramadan jeweils um ca. zehn Tage nach vorne, wandert also durch den Jahreskreis. Noch ein paar Jahre und es gibt wieder das viel weniger fordernde Winterfasten, wo die Tage kurz sind.

Carla Amina Baghajati
ist Schulamtsleiterin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich

Damals bei der Selbstbeobachtung, wie es mir mit dem Ramadan gehen würde, war das nicht Trinken für mich zuerst auch etwas sehr Merkwürdiges. Darum trank ich in den Nachtstunden besonders viel. Bis heute halte ich das so und komme im Tageschnitt im Ramadan auf mehr Flüssigkeit als sonst im Jahr, weil ich viel bewusster trinke. Dabei wird der Segen noch mehr bewusst, in einem Land wie Österreich so gutes Trinkwasser zu haben. Muslimische Hilfsorganisationen bitten nicht von ungefähr gerne um Spenden für Projekte zum Brunnenbau gerade im Ramadan.

Erwachsene können auf Vorrat trinken gewissermaßen. Bei Kindern geht dies wegen ihres kleineren Magens nicht. Aus zwei Gründen sind sie also vom Fasten ausgenommen: Als noch nicht religionsmündig, weil sie weder körperlich noch geistig reif sind und weil Fastende ihrer Gesundheit nicht schaden dürfen. Darum sind Kranke, Schwangere, stillende Mütter, Frauen während der Menstruation oder im Wochenbett sowie Personen, die regelmäßig Medikamente brauchen, auch vom Fasten ausgenommen.

Buchhinweis:
Carla Amina Baghajati, „Muslimin sein - 25 Fragen, 25 Orientierungen“, Verlag Tyrolia

Und wie sieht es aus bei Personengruppen mit anstrengenden Tätigkeiten? Man denke an spezielle Berufsgruppen wie Bauarbeiter oder Sportler, aber auch schon religionsmündige Schülerinnen und Schüler bei Prüfungen oder auch sonst im Schulalltag. Unfälle wegen Schwäche könnten fatale Folgen haben. Daher wird daran erinnert, dass man entgangene Fasttage auch nachholen kann und soll. Wer es sich nicht zu leichtmachen will, fängt an und hört dann auf, wenn es nicht mehr geht.

Beraten kann man sich natürlich auch mit einem Arzt/einer Ärztin des Vertrauens. Letztlich ist es aber eine Sache der eigenen Mündigkeit. So wie man niemanden zum Fasten zwingen kann und darf, gilt umgekehrt auch, dass man niemanden zum Trinken oder Essen zwingen darf. Der Ramadan ist somit auch eine gute Schule für Eigenverantwortung.

Musik:

„Ilk Taksim“ von Marc Sinan, Marc Muellbauer und Heinrich Köbberling
Label: ECM Records 2076 / 1773154