Umbildung der Seelen

Zum 100. Todestag von Gustav Landauer: Zeit seines Lebens hat er gelesen, geschrieben und übersetzt, hat sich als Redner und Publizist für sein Konzept von Sozialismus engagiert und sich vor dem Ersten Weltkrieg für einen konsequenten Pazifismus und gegen jede Gewalt eingesetzt. Und dann wurde er zusammengeschlagen und zu Tode getreten: Gustav Landauer.

Gedanken für den Tag 18.5.2019 zum Nachhören (bis 17.5.2020):

Im November 1918, unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg und dem Beginn der Novemberrevolution, lud ihn deren Anführer Kurt Eisner, der erste Ministerpräsident des Freistaats Bayern, nach München ein. Er schrieb ihm in einem Brief: „Was ich von Ihnen möchte, ist, daß Sie durch rednerische Betätigung an der Umbildung der Seelen mitarbeiten.“ Kurt Eisner wurde am 21. Februar 1919 ermordet, und am 7. April wurde die Münchner Räterepublik ausgerufen. Gustav Landauer erhielt dabei den Posten des Beauftragten für Volksaufklärung; seine erste Amtshandlung war die Abschaffung der Prügelstrafe an den bayrischen Schulen.

Cornelius Hell
ist Literaturkritiker und Übersetzer

Aufruf zum Sozialismus

Anfangs war die Räteregierung von unabhängigen Sozialisten und Pazifisten wie den Schriftstellern Ernst Toller und Erich Mühsam und eben Gustav Landauer dominiert. Doch schon nach einer Woche übernahmen Funktionäre der KPD, der Kommunistischen Partei Deutschlands die Führung. Aus Enttäuschung über deren Politik erklärte Landauer am 16. April seinen Rücktritt von allen Ämtern in der Räterepublik. Doch als sie von rechten Freikorps-Verbänden gewaltsam niedergeschlagen wurde, hat man Gustav Landauer verhaftet und ins Zuchthaus Stadelheim gebracht. Dort schrie ein Offizier: „Halt! Der Landauer wird sofort erschossen.“ Landauer wurde gedemütigt, zusammengeschlagen und angeschossen; danach trat ihn ein Vizewachtmeister zu Tode. Die Leiche wurde geplündert und in einem Massengrab verscharrt. Mitte Mai erreichte seine ältere Tochter die Exhumierung.

Wer Gustav Landauer war, zeigt nicht der Hass, den er auf sich zog, sondern die Inschrift auf seinem Grab – ein Zitat aus seiner Schrift „Aufruf zum Sozialismus“: „Es gilt jetzt, noch Opfer anderer Art zu bringen, nicht heroische, sondern stille, unscheinbare Opfer, um für das rechte Leben Beispiel zu geben.“

Buchhinweis:

Cornelius Hell, „Ohne Lesen wäre das Leben ein Irrtum. Streifzüge durch die Literatur von Meister Eckhart bis Elfriede Gerstl“, Verlag Sonderzahl

Musik:

Tomas Visek/Klavier: „Die neue Marionette: Shimmy. Moderato“ aus: MARIONETTEN I - Zyklus für Klavier von Alois Hába
Label: Supraphon 1118702131