Das Gift des Sprechens

Zum Welttag der kulturellen Vielfalt: Zu den literarischen Entdeckungen, die ich im vergangenen Jahr gemacht habe, gehören vor allem die großartigen Erzählungen der amerikanischen Schriftstellerin Flannery O’Connor.

Gedanken für den Tag 22.5.2019 zum Nachhören (bis 21.5.2020):

In ihrer 1955 erschienenen, beklemmend aktuell anmutenden Erzählung „Der Flüchtling“ (im Original „The Displaced Person“) kommt eine polnische Familie auf die Farm von Mrs McIntyre. Die Angestellte Mrs Shortley ist nicht bereit, sich die Namen der Fremden zu merken, wundert sich aber, dass sie aussehen wie andere Leute auch. Sie fragt sich: „Wenn sie von dorther kamen, wo ihnen solche Sachen angetan worden waren, woher wusste man dann, ob sie nicht von der Sorte waren, die so etwas anderen auch antun würden?“ In ihrer Schreckensvision sieht sie schon „zehn Millionen Milliarden Fremde“ in die Arbeitsstellen drängen und dass die Schwarzen sich dann andere Arbeitsplätze suchen müssen. Diese Befürchtung teilt sie ihnen dann auch mit.

Brigitte Schwens-Harrant
ist Feuilletonchefin der Wochenzeitung „Die Furche“

Rassismus ist eine Konstruktion

Langsam und stetig träufelt das Gift ihres Sprechens in das Denken der Umgebung, während man vom Denken der Zugereisten selbst überhaupt nichts erfährt. „Sie fand, es müsste ein Gesetz gegen sie geben. Es gab keinen Grund, warum sie nicht dort drüben bleiben und den Platz von ein paar derjenigen einnehmen konnten, die in ihren Kriegen und Gemetzeln umgebracht worden waren“, denkt Mrs Shortly.

Mrs McIntyre, die Farmerin, ist auch nur auf den ersten Blick gastfreundlich. Immer deutlicher wird ihr ökonomisches Nutzendenken und der Unwille, Verantwortung zu übernehmen.

„Flannery O’Connor hat in ihrem schmalen Werk mit großem Einfühlungsvermögen und Verständnis über die Figur des Fremden, des Ausgestoßenen, des Andersartigen geschrieben, lobt Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison ihre Kollegin. So finde sich in ihrer Literatur „eine scharfsinnige und präzise Schilderung, wie das Bild des Fremden konstruiert wird und welchen Nutzen es seinen Verfertigern bringt.“

Damit betont Morrison zwei konstitutive Elemente des Rassismus: Rassismus ist eine Konstruktion – und er wird nicht ohne Interesse konstruiert. Und Ausschließung und Abwertung geschehen auch bei O’Connor zunächst und vor allem durch Sprache. Ihre Erzählungen sind für mich – neben vielem anderen – daher auch Schulungen. Sie lehren sehen, was passiert, wenn man über andere redet, und wie entscheidend ist, wie man das tut.

Buchhinweise:

  • Flannery O’Connor, „Keiner Menschenseele kann man noch trauen. Storys“, Verlag Arche
  • Brigitte Schwens-Harrant, Jörp Seip, „Mind the gap. Sieben Fährten über das Verfertigen von Identitäten“, Klever Verlag

Musik:

Chris Botti, Dominic Miller, Christian McBride und Manu Katche: „Prelude für Klavier Nr. 2“ von George Gershwin / Jazz Bearbeitung für Trompete, Gitarre, Baß und Drums von Chris Botti
Label: Decca 4658192