„996“

Eines der ersten Reformvorhaben der gegenwärtigen Bundesregierung war die Flexibilisierung der Arbeitszeit. Seit dem 1. September 2018 kann die Arbeitszeit 12 Stunden am Tag und bis zu 60 Stunden in der Woche betragen.

Zwischenruf 19.5.2019 zum Nachhören (bis 18.5.2020):

Die Proteste gegen das neue Arbeitszeitgesetz verhallten ohne Wirkung. Industrie und Wirtschaft verweisen auf die internationale Konkurrenz, von der manche Branchen, zum Beispiel die heimische Gastronomie, allerdings kaum betroffen sein dürfte.

Ulrich H.J. Körtner
ist Professor an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Wien

Glück durch Arbeit?

996: So lautet die Formel in der chinesischen IT-Branche, und die effiziente Digitalisierung aller Lebens- und Wirtschaftsbereiche gilt schließlich als Schlüssel zur Zukunft. 996 steht für die 72-Stunden-Woche, nämlich für Arbeitsbeginn um 9 Uhr in der Früh, Arbeitsende um 9 Uhr am Abend – und das an sechs Tagen in der Woche. Jack Ma, Gründer der chinesischen Holding Alibaba – inzwischen die weltweit größte Handelsplattform – lobt die Formel 996, nach der zum Beispiel beim chinesischen Kommunikationsriesen Huawei gearbeitet wird. „Es sei doch ein großer Segen, 996 Stunden arbeiten zu können“, sagt der Alibaba-Gründer. Glück entstehe nun einmal nur durch harte Arbeit. Und wo, so fragen Kritiker, bleibt die Zeit für Kinder oder für die Pflege alter Menschen?

Die digitale Revolution frisst ihre Kinder

Die digitale Revolution frisst ihre Kinder. In China ist täglich ein Heer von drei Millionen Dienstboten unterwegs, die elektronisch bestellte Waren frei Haus liefern. Aber auch gut bezahlte Techniker, Programmierer und Ingenieure in der IT-Branche stehen unter dem ausbeuterischen Arbeitsdruck der Formel 996.

Inzwischen ist eine Variante der Formel 996 im Umlauf. Sie lautet 996icu. ICU steht für „intensive care unit“, die Intensivstation, auf der man früher oder später landet, wenn man Woche für Woche und Monat für Monat bis zum Umfallen arbeitet.

Aber wir brauchen gar nicht bis China zu schauen. Prekäre, ausbeuterische und krankmachende Arbeitsverhältnisse gibt es auch hierzulande. Doch sollte man nicht immer nur mit Finger auf Riesen im Online-Handel wie Amazon richten. Als Konsumentinnen und Konsumenten fördern wir schließlich selbst die prekären Arbeitsverhältnisse von Scheinselbstständigen in der Zustellbranche, vom Pizzaservice bis zum Paketzusteller.

Unterbrechung

Das alttestamentliche Sabbatgebot und der christliche Sonntag erinnern uns daran, dass Arbeit bestenfalls das halbe Leben ist. Dabei geht es um mehr als eine ausgewogene Work-Life-Balance, wie man heute das rechte Verhältnis von Arbeitszeit und Freizeit nennt. Nicht selten tragen ja auch Freizeitaktivitäten Züge von Leistungsdruck, der von echter Muße und Nichtstun weit entfernt ist. Der Terminkalender an den Wochenenden ist dann ebenso dicht wie unter der Woche.

Zwischenruf
Sonntag, 19.5.2019, 6.55 Uhr, Ö1

Die fortschreitende Flexibilisierung der Arbeitszeit mag zwar immer noch Erholungsphasen vorsehen. Aber wenn jeder zu anderen Zeiten frei hat, geht das zu Lasten des Familienlebens und anderer sozialer Kontakte. Darum ist der Sonntag eben nicht nur eine religiöse Institution, sondern auch eine wichtige soziale Einrichtung und damit ebenso ein wesentlicher Bestandteil unserer Kultur wie gemeinsame Feiertage. Die Idee von persönlichen Feiertagen, die noch dazu – wie neuerdings der Karfreitag für die Protestanten und Altkatholiken - vom Urlaubskontingent zu bestreiten sind, schadet dem gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Die kürzeste Formel für Religion ist: Unterbrechung. So hat einmal der katholische Theologe Johann Baptist Metz gesagt. Wir brauchen solche heilsamen Unterbrechungen unseres Alltags, sollen Arbeit und Konsum nicht als Religionsersatz dienen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag.