„Wir sind alle Araber!"

Jordaniens Christen in einer muslimischen Mehrheitsgesellschaft: Christ/innen sind auf dem Gebiet des heutigen Jordanien fast 2000 Jahre präsent. Das Christentum ist also - wie heute auch islamische Gelehrte unumwunden zugeben – eine „indigene Religion“, die die Kultur und das Selbstverständnis in dem jungen haschemitischen Königreich stark geprägt hat.

Jordanien hat heute eine Einwohnerzahl von fast 10 Millionen Menschen. Etwa 4 Millionen davon sind Flüchtlinge aus den Nachbarstaaten: Palästinenser, Syrer, Iraker, Jemeniten und andere. Auch wenn ihre Zahl in den letzten 150 Jahren von 40 Prozent auf rund 2,5 Prozent an der Gesamtbevölkerung zurückgegangen ist, sind die rund 250.000 Christen wirtschaftlich und auch politisch überproportional in der Gesellschaft vertreten. Etwa 150.000 Gläubige sind orthodoxen Glaubens (griechisch-orthodox, armenisch-orthodox, aramäisch-/syrisch-orthodox). Mit etwa 80.000 Gläubigen folgen Katholiken und Melkiten (unierte griechisch-katholische), und etwa 25.000 - 30.000 gehören verschiedenen protestantischen Konfessionen an.

Tao
Samstag, 1.6.2019, 19.05 Uhr, Ö1

Bildungsprogramme gegen Konflikte

Die christliche Minderheit ist in Wirtschaft und Gesellschaft stark engagiert. Das gilt besonders im Sozialbereich, wo die Kirchen Enormes in der Hilfe für die vielen Flüchtlinge im Land leisten. Auch im Bildungsbereich sind christliche Schulen, die übrigens mehrheitlich muslimische Kinder unterrichten, aufgrund ihrer hohen Qualität und gesellschaftlichen Offenheit hoch angesehen.

Zwar ist in der jordanischen Verfassung der Islam als Staatsreligion festgeschrieben, aber alle jordanischen Könige, so auch der aktuelle König Abdallah II., betonen wie keine andere Regierung des Nahen Ostens, den historischen Beitrag der Christen zum Aufbau der nationalen Kultur und stellen ihre Partizipation am öffentlichen Leben und in der Regierung sicher. Das Königshaus geht entschieden gegen radikale islamistische Kräfte vor und wird seinerseits von den Christen Jordaniens politisch unterstützt.

Um das interreligiöse Gespräch zu fördern wurde das Royal Institute for Interfaith Studies RIIFS von Prinz Hassan gegründet. Es möchte Konflikten zwischen Muslim/innen und Christ/innen mit zahlreichen Bildungsprogrammen entgegenwirken.

Einheit durch gemeinsame Probleme

Von einer Feindschaft zwischen Islam und Christentum kann in Jordanien aber ohnehin keine Rede sein. Was Christ/innen und Muslim/innen vor allen religiösen Unterschieden auszeichnet, ist, dass sie sich zuerst als Araber und als Jordanier fühlen. Das eint, weil man die gleichen historischen Erfahrungen und politischen Probleme miteinander teilt. Christ/innen werden gesellschaftlich nicht diskriminiert. Trotzdem fühlen sich viele von ihnen aufgrund der schwindenden Zahl zunehmend marginalisiert. Die größtenteils besser gebildeten Christen haben weniger Nachwuchs und manche wandern - angesichts einer krisenanfälligen Wirtschaftslage und hoher Arbeitslosigkeit – in westliche Länder aus. Andere bleiben und das mit dem Stolz, das Erbe des „indigenen arabischen Christentums“ weiter zu tragen.

Johannes Kaup hat im Rahmen des Ö1-NEBENAN-Schwerpunkts das Königreich Jordanien besucht und vermittelt dabei Einblicke in christliches Alltagsleben, in interreligiöse Dialog-Initiativen und in die sozial-karitative Fürsorge für die Bedürftigen im heutigen Jordanien.

Gestaltung: Johannes Kaup

Tao 1.6.2019 zum Nachhören (bis 31.5.2020):