Über das Fasten

Der Fastenmonat Ramadan geht zu Ende. Erwachsene Musliminnen und Muslime in aller Welt verzichten während dieses Monats zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang auf Essen und Trinken. Für Personen in besonderen Situationen - Kranke zum Beispiel - gibt es Ausnahmen.

Zwischenruf 2.6.2019 zum Nachhören (bis 2.6.2020):

Menschen sind ambivalente Wesen. Sie können Gutes in schier unbegreiflichem Ausmaß tun - oder Verwerfliches, das seinesgleichen nicht kennt. Genau an diesem Punkt knüpft das Fasten an. Denn Fasten ist vor allem mit einer inneren Reflexion in Enthaltsamkeit verbunden. Es handelt sich um eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst und seinen Bedürfnissen / seiner Umgebung und seiner Umwelt. Diese Selbstreflexion ist ein konstitutiver Teil des Fastens im Monat Ramadan, das jährlich wiederholt wird. So unterstützt es die Menschen in ihrem spirituellen Reifungsprozess.

Zekirija Sejdini
ist islamischer Theologe und Religionspädagoge

Verletzung der Menschenwürde

Wie intensiv gefastet wird, ist eine individuelle Angelegenheit. Dass jedoch ein kontinuierliches In-Sich-Gehen notwendig ist, ist für mich angesichts der aktuellen Entwicklungen klar. Diese Entwicklungen machen mir große Sorgen. Die Immunisierung gegen unmenschliches Verhalten und dessen Normalisierung schreiten voran. Die Verletzung der Menschwürde wird in Kauf genommen, um den eigenen Wohlstand nicht zu gefährden. Menschenverachtendes Handeln wird zunehmend salonfähig. Besonders tragisch finde ich die Tatsache, dass dies unter dem Vorwand legitimiert wird, damit zentrale Werte der Aufklärung und des Humanismus verteidigen zu wollen. Somit werden diese Werte, die diesen Kontinent in Wirklichkeit auszeichnen, zu bloßen Worthülsen degradiert.

Zudem wird auf naive Weise der Eindruck erzeugt, die Mehrheitsgesellschaft hätte dabei nichts zu befürchten. Doch ist damit zu rechnen, dass die Verletzung der Menschenwürde zwar meist beim anderen – beim Fremden zum Beispiel - beginnt, aber auch vor dem eigenen Bereich nicht Halt macht.

Zwischenruf
Sonntag, 2.6.2019, 6.55 Uhr, Ö1

Die eigene Endlichkeit als Korrektiv

Bedauerlicherweise geschieht all dies in einer Zeit des relativen Wohlstandes - auch, wenn es sicherlich nicht allen in unserem Land gleich gut geht. Dabei stellt sich die Frage, wie diese selbstzerstörerische Dauerfrustration, die vielfach spürbar ist, zu erklären ist. Wie kann es uns gelingen, eine Haltung der Genügsamkeit zu entwickeln und ein Gefühl für das rechte Maß zu bekommen?

Das Wissen um das eigene Angewiesen-Sein auf andere, die eigene Endlichkeit wäre hier ein wichtiges Korrektiv - und eine Hilfe, das spirituelle Leben zu vertiefen. Wer zu einer spirituellen Erfüllung gelangt, der ist für nichts zu gewinnen, das die Würde des Menschen verletzen könnte. Wer diesen Zustand erreicht, kann nicht satt schlafen, wenn andere hungern, kann sich nicht damit anfreunden, dass flüchtende Menschen kollektiv kriminalisiert werden, und kann auch nicht schweigen, wenn die Rechte anderer Menschen eingeschränkt werden oder wenn unsere Natur aus Gier zerstört wird. Auf diese Weise fördert Enthaltsamkeit und Spiritualität unser Leben.