Menschen retten ist kein Verbrechen

Was ist eigentlich los mit Europa? Nein, keine Sorge: Ich spreche jetzt nicht von der Besetzung der Spitzenfunktionen in der Europäischen Union. Ich spreche von der derzeit tödlichsten Grenze der Welt.

Zwischenruf 7.7.2019 zum Nachhören (bis 6.7.2020):

So bezeichnete der Migrationsexperte Gerald Knauhs die Südgrenze Europas, das Mittelmeer. Das ist die tödlichste Grenze der Welt. Die Überfahrt wird immer riskanter, die Zahl der Todesopfer ist gegenüber den Vorjahren deutlich angestiegen. Die europäischen Länder haben ihre Seenotrettungsprogramme eingestellt und setzen zunehmend auf Abschreckung. Flüchtlingsrouten schließen, heißt die Erfolgsparole. Aber das funktioniert nicht mehr, wenn die Menschen, die auf der Flucht aus den unerträglichen Lebensumständen in ihren Heimatländern sind, schon wochen- und monatelang alles auf sich genommen haben, um nach Europa zu kommen. Sie nehmen dann auch das letzte Risiko noch auf sich und wagen die Überfahrt.

Michael Bünker
ist evangelisch-lutherischer Bischof in Österreich

Das System hinterfragen

Private Seenotretter springen ein, weil die staatlichen Institutionen versagen. Aber sie werden kriminalisiert. Dafür steht zuletzt die Geschichte von Carola Rackete, der Kapitänin des Rettungsschiffes Sea Watch 3. Mit 40 aus Seenot geretteten Menschen an Bord war sie in den Hafen von Lampedusa eingelaufen. Der Notfall rechtfertigte für sie die Übertretung der Anweisungen der italienischen Behörden. Nach der Landung wurde sie verhaftet und die Sea Watch 3 beschlagnahmt. Carola Rackete droht ein Gerichtsverfahren mit einer möglichen Haftstrafe zwischen drei und zehn Jahren. Mittlerweile hat eine Richterin entschieden, dass sie auf freien Fuß gesetzt wird. Aber das Verfahren gegen sie, wie gegen andere auch, läuft weiter.

Am 2. Juli wurde das Camp Tadschura nahe Tripolis in Libyen bombardiert. Mindestens 44 Menschen starben, mehr als 130 wurden verletzt. Vertreter der UNO sprechen von einem Kriegsverbrechen. Zum wiederholten Mal sind Menschen auf der Flucht in Libyen zwischen die Fronten geraten. Jetzt wird nach den Verantwortlichen für dieses Verbrechen gesucht.

Drei Fragen von Gott

Aber genauso notwendig ist es, das ganze System zu hinterfragen. Die Zustände in den libyschen Camps werden seit langem als völlig untragbar beschrieben. Jean Claude Juncker bezeichnete diese Lager als die „Hölle“. Dabei ist es auffällig, wie wenig Aufregung es hierzulande rund um diese Bombardierung gibt. Manche spekulieren ja immer noch damit, dass die europäische Außengrenze weit in die nordafrikanischen Länder hinein verschoben werden könnte. Oder dass man die Menschen, die in Libyen in ein Schlauchboot steigen, einfach zurückbringen sollte. Wir lassen es zu, dass Menschen an unseren Grenzen sterben, dass sie unter unmenschlichen Bedingungen in Lagern zusammengepfercht werden und auch dort ihres Lebens nicht sicher sind.

Zwischenruf
Sonntag, 7.7.2019, 6.55 Uhr, Ö1

Meiner Meinung nach wäre jetzt notwendig: legale Zugangswege zu Europa zu öffnen, endlich ein gemeinsames europäisches Asylsystem durchzusetzen, wirksamen Grenzschutz unter Beachtung der Menschenrechte und der Humanität einzurichten. Für den christlichen Glauben und für wahre Menschlichkeit kommt dazu, dass es niemals ein Verbrechen sein kann, Menschenleben zu retten. Es ist eine humanitäre Pflicht und ein Gebot der Nächstenliebe, Menschen vor dem Ertrinken zu retten.

Zu Beginn der Bibel, der heiligen Schrift, stellt Gott drei Fragen an den Menschen. Er stellt sie auch heute an jeden und jede. Die erste Frage lautet: Wo bist du? Die zweite: Was hast du getan? Und die dritte schließlich: Wo ist dein Bruder? Verantwortung zu übernehmen bedeutet, auf diese Fragen Antworten zu geben.