Zum Wirken und Denken Karl Barths

Die Begeisterung der Menschen zu Beginn des Ersten Weltkriegs war unbeschreiblich. Es war die Rede von der Mobilmachung Gottes.

Zwischenruf 14.7.2019 zum Nachhören (bis 13.7.2020):

„Gott zieht mit uns in den Krieg.“ „Wir führen Krieg im Namen Gottes.“ Solche Parolen waren auch in Österreich zu hören, im Sommer 1914, auf den Kanzeln evangelischer und katholischer Kirchen, in Hörsälen der theologischen Fakultäten und in öffentlichen Verlautbarungen. Theologiestudenten meldeten sich in Scharen zum Kriegsdienst, um für Gott und Vaterland kämpfen zu dürfen. Der evangelisch-reformierte Schweizer Pfarrer Karl Barth war von dieser Kriegstrunkenheit zutiefst abgestoßen. Besonders erschüttert war Barth, dass seine einstigen Lehrer und Weggefährten sich von dieser Stimmung anstecken ließen.

Thomas Hennefeld
ist Landessuperintendent der evangelisch-reformierten Kirche in Österreich

Als Landesverräter ausgewiesen

Karl Barth erklärte einen Gott, der sich für eigene, oft auch kriegerische, Interessen instrumentalisieren lasse, für tot. So ein Gott sei ein Götze und hätte nichts mit dem lebendigen Gott gemeinsam, der das Volk Israel aus der Gefangenschaft in die Freiheit führte, Propheten erweckte, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzten und der in Jesus Mensch geworden war. Einen mit den Menschen bedingungslos solidarischen Gott vor Augen wirkte Barth Zeit seines Lebens für eine gerechte und humane Gesellschaft.

Vor 100 Jahren veröffentlichte der evangelisch-reformierte Theologe seinen berühmt gewordenen Kommentar zum neutestamentlichen Römerbrief des Apostels Paulus. Das ist der Grund, weshalb reformierte Kirchen heuer ein Karl Barth-Jahr ausgerufen haben. Und auch die reformierte Kirche in Österreich beteiligt sich daran.

In der Zwischenkriegszeit – Barth war mittlerweile Theologieprofessor in Deutschland - bekämpfte er das NS-Regime mit seiner menschenverachtenden Rassenlehre und seiner Blut-und Bodenideologie. Er wurde als Landesverräter aus Deutschland ausgewiesen, ging zurück in die Schweiz und meldete sich dort 1940 zum Militärdienst für den Ernstfall. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs trat er für die Versöhnung mit den Deutschen ein, forderte aber gleichzeitig Buße für die Verblendung der Christinnen und Christen im Nationalsozialismus.

Auftrag für Schwache und Notleidende

Eine Wanderausstellung über sein Leben und sein Werk trägt nicht zufällig den Titel: Schweizer! Ausländer! Hetzer! Friedestörer! Denn wer so kämpft im Geist des Evangeliums macht sich viele Feinde. Vor sieben Jahrzehnten schrieb Karl Barth, kurz nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs: „Die christliche Verkündigung im heutigen Europa muss also sein und wieder werden ein freies, ein unabhängiges Wort - unabhängig von allen herrschenden Winden, unabhängig von der Frage: Revolution oder Tradition? Optimismus oder Pessimismus? Westen oder Osten?“

Zwischenruf
Sonntag, 14.7.2019, 6.55 Uhr, Ö1

Das waren andere Zeiten und doch ist der Kern dieser Aussage heute für mich genauso gültig wie damals. Denn in einer unübersichtlichen Welt voller Bedrohungen, Fake-News und Selbstgerechtigkeit gilt es, sich zu orientieren am ursprünglichen christlichen Auftrag. Und nicht am Zeitgeist.

Und dieser Auftrag war und ist es, sich für die Schwachen und Notleidenden einzusetzen und alle totalitären Ideen als gottlos zu verwerfen. Barth warnte vor Verabsolutierungen von Staat, Volk oder Heimat. In diesem Sinn würde er wohl heute auch die Rede vom rein christlichen Abendland verdammen. Christliche Verkündigung bedeutet, nicht mit den Wölfen zu heulen aber sehr wohl ein Geschrei zu machen und den Frieden zu stören, wenn Kriegshetzer und andere Menschenverächter ihr Unwesen treiben. Christliche Verkündigung bedeutet damals wie heute ein freies unabhängiges Wort, das einen einzigen Maßstab hat: Das Evangelium von Jesus Christus. Wir verdanken es Karl Barth, dass diese Friedensbotschaft bis heute lebendig und aktuell geblieben ist.