Sturm, der die Zeder formt

Und wenn es mir Gott vergönnt, dass ich dem Freunde im Tempel begegne und ihn berühre, so kehrt er mir ein Gesicht zu, das dem meinen gleicht und vom gleichen Gott erleuchtet ist; denn dann ist die Einheit da, mag er auch anderswo Krämer sein, während ich Hauptmann bin, oder Gärtner, während ich Seemann bin.

Gedanken für den Tag 25.7.2019 zum Nachhören (bis 24.7.2020):

Über alles Trennende hinweg habe ich ihn gefunden und bin sein Freund. Und ich kann neben ihm schweigen, das heißt, ich brauche nichts für meine inneren Gärten und Berge und Schluchten und Wüsten zu befürchten, denn er wird nicht darin seine Schuhe ablaufen.

Manuel Rubey
ist Schauspieler. Er liest den Text von Antoine de Saint-Exupéry

Wenn du, mein Freund, etwas voller Liebe von mir empfängst, so ist es, als wenn du den Botschafter meines inneren Reiches willkommen hießest! Und du behandelst ihn freundlich und bittest ihn, sich zu setzen und hörst ihn an. Und so sind wir glücklich. Aber hast du jemals erlebt, dass ich Botschafter bei ihrem Empfange zurückgesetzt oder abgelehnt hätte, weil man sich in ihren Reichen, tausend Marschtage von dem meinen entfernt, von Speisen nährt, die mir missfallen oder weil ihre Sitten von den meinen verschieden sind?

Feinde und Freunde

Die Freundschaft ist vor allem die Waffenruhe und der große Austausch des Geistes, der sich über alle Kleinigkeiten des Alltags hinwegsetzt. Und es ziemt mir nicht, dem Gast Vorwürfe zu machen, der an meinem Tische sitzt. Denn wisse, dass die Gastfreundschaft, die Höflichkeit und die Freundschaft Begegnungen von Mensch zu Mensch sind. Was könnte ich im Tempel eines Gottes anfangen, der den Wuchs oder die Leibesfülle seiner Gläubigen bekrittelt, und was hätte ich im Haus eines Freundes zu suchen, der nicht die Krücken seiner Besucher guthieße, sondern sich anmaßte, sie tanzen zu lassen, um über sie zu richten?

Es gibt schon genug Richter auf der Welt. Wenn es darum geht, dich umzukneten und zu härten, so überlass diese Aufgabe deinen Feinden. Sie werden sie gern übernehmen, so wie der Sturm, der die Zeder formt. Dein Freund ist dazu da, dich willkommen zu heißen. Lass dir gesagt sein, dass Gott dich nicht mehr richtet, wenn du in seinen Tempel eintrittst, sondern dich empfängt.

Buchhinweis:

Antoine de Saint-Exupéry, „Stadt in der Wüste“, Karl Rauch Verlag

Link:

Manuel Rubey

Musik:

Murray Perahia/Klavier und English Chamber Orchestra unter der Leitung von Murray Perahia: „Allegro - 1. Satz“ aus : Konzert für Klavier und Streicher in Es-Dur KV 107 Nr. 3 von Wolfgang Amadeus Mozart und Johann Christian Bach
Label: CBS 39222