Kongo: Fluch der Bodenschätze

Die Demokratische Republik Kongo ist fruchtbar und reich an Bodenschätzen. Wer ein Handy, einen Laptop oder eine Digitalkamera besitzt, hat darin ziemlich sicher Coltan aus dem Kongo. Doch die Zivilbevölkerung hat nichts von diesem Reichtum. Ganz im Gegenteil.

Der kleine Lutula Polo liegt, in eine dünne Decke gewickelt, apathisch auf dem Schoß seiner Mutter. Wegen der Unterernährung löst sich stellenweise seine Haut ab und hinterlässt helle Flecken, die mit einer violetten Medizin behandelt werden.

Praxis Spezial
Mittwoch, 24.7.2019, 16.05 Uhr, Ö1

Krankenstation in Malweka

Lutula ist acht Monate alt. Als seine Mutter mit ihm hier hergekommen ist, in die Krankenstation in Malweka, einem der ärmsten Viertel von Kinshasa, hatte er nur 4,7 Kilo. Seit sieben Tagen ist er hier, hat erbrochen und Durchfall.

Lutula Polo Kind Kongo Unterernährung

ORF/Alexandra Mantler

Der kleine Lutula Polo wiegt mit 8 Monaten nur 4,7 Kilo.

Nun wird er langsam wieder aufgepäppelt. Auch die Kinderambulanz ist voll von Müttern mit ihren Babys und Kleinkindern. Diese werden gemessen, gewogen und erhalten einen nahrhaften Brei aus Öl, Zucker, Erdnüssen oder Soja.

Leben in der Baracke

Die Menschen leben hier meist in einfachen Baracken und Wellblechhütten. Da und dort sieht man kleine Stände, an denen Frauen Maniok, Erdnüsse, Papayas und Bananen verkaufen.

Insgesamt vier Gesundheitszentren der Don Bosco-Schwestern unterstützt die österreichische Caritas in Kinshasa, die Jahreskosten für eine Breiration pro Kind betragen 36 Euro. Die Nachfrage ist enorm.

Mütter Kinder Kongo Unterernährung

ORF/Alexandra Mantler

Die Jahreskosten für eine Breiration pro Kind betragen 36 Euro.

Die Folgen der Unterernährung seien weitreichend, erklärt Dr. René Suenge Kusolinga vom medizinischen Büro der Diözese Kinshasa: Dauert die Unterernährung länger an, wirkt sich das auch auf das Wachstum und die geistige Entwicklung des Kindes aus. Die Kinder leiden oft an Anämie und werden anfällig für schwere Infektionskrankheiten. „Malaria, Lungenentzündung und Durchfallerkrankungen, Cholera etwa, das sind auch die Haupttodesursachen bei Kindern hier“, erklärt der Arzt. Zudem grassiert im Osten des Landes gerade wieder die tödliche Viruserkrankung Ebola.

Konzerne und Milizen

Doch warum Hunger und Armut in einem Land, das eigentlich sehr fruchtbar ist und extrem reich an Bodenschätzen? Weil das Geld „in die Taschen ausländischer Konzerne, einer kleinen Elite im Land und diverser bewaffneter Milizen“ wandert, erklärt Caritas-Projektreferentin Andrea Fellner. Weder in der Staatskasse, noch bei der einfachen Bevölkerung komme viel davon an. Für die Menschen hier bedeuten die Bodenschätze eher einen Fluch, stacheln Begehrlichkeiten an und führen zu blutigen Kämpfen, Vergewaltigungen und Vertreibungen. Sicherheit, Nothilfe und auch langfristige Entwicklungshilfe, das bräuchte die Demokratische Republik Kongo, meint der Koordinator der UN-Nothilfe Joseph Inganji: „Wir müssen die Krise im Kongo wieder mehr ins Bewusstsein rücken. Um Leben zu retten. Und zwar schnell. Sonst können wir nur noch die Leichen zählen.“

Alexandra Mantler Kongo Kinder

Helmut Fohringer

Alexandra Mantler hat eine Delegation der österreichischen Caritas in die Demokratische Republik Kongo begleitet.

Kirche kritisiert Wahlbetrug

Die römisch-katholische Kirche engagiert sich gemeinsam mit den evangelischen Kirchen für mehr Demokratie in der Demokratischen Republik Kongo. Der Generalsekretär der katholischen Bischofskonferenz Abbé Donatien Nshole hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Langzeit-Präsident Joseph Kabila schließlich auf eine weitere Amtszeit verzichtet hat. 40.000 Wahlbeobachter hatte die katholische Kirche bei der Wahl im vergangenen Dezember im ganzen Land im Einsatz. Darum wisse man auch, dass das offizielle Wahlergebnis manipuliert wurde und der neue Präsident eigentlich Martin Fayulu und nicht Felix Tshisekedi heißen müsste, so Nshole. Das habe man auch öffentlich gesagt, aber nun versuche man zumindest das beste aus der Situation zu machen:

„Als Priester ist es unsere Aufgabe, uns um das Wohlergehen der Menschen zu kümmern, die uns Gott anvertraut hat“, meint der Generalsekretär der Bischofskonferenz. Das Volk lebe in unvorstellbarer Armut, obwohl das Land eigentlich reich sein könnte. „Der Grund dafür ist die schlechte Regierung. Wir sind überzeugt davon, dass es dem Volk weit besser gehen könnte, wenn wir hier eine wirkliche Demokratie hätten.“ Und die Politiker müssten begreifen, dass sie, um an der Macht zu bleiben, die Bedürfnisse des Volkes befriedigen müssten. „Darum engagieren wir uns als Teil der Zivilgesellschaft im Sinne einer Demokratisierung“, so Nshole.

Keine Jobs, keine Märkte

Die Caritas wiederum, versucht nicht nur akute Nothilfe zu leisten, sondern mit Dorfentwicklungsprojekten auch langfristig das Leben der Menschen hier zu verbessern. In den entlegenen Regionen am Land gibt es kaum Infrastruktur: keine Straßen, nur holprige Sandpisten, keine Industrie, keine Jobs, keine Märkte, um die eigenen Produkte zu verkaufen. Der Großteil der Bevölkerung hier sind Bauern, die Subsistenzwirtschaft betreiben. Im Rahmen der Projekte der Caritas Österreich erhalten die Beteiligten Ziegen, Hühner und widerstandsfähigeres Saatgut, das mehr Ertrag bringt.

Fähre Kongo

ORF/Alexandra Mantler

Fähre über den Kongo, mit 4374 km der zweitlängste Fluss Afrikas.

Die Bauern schließen sich zu Genossenschaften zusammen, vergleichen Preise, chartern gemeinsam einen LKW nach Kinshasa, um dort die Produkte zum zehnfachen Preis dessen, was sie hier am Land bekommen würden, zu verkaufen.

Die Dorfbewohner entwickeln auch gerade selbst Energiesparöfen, um beim Kochen deutlich weniger Holz zu verbrauchen. Die Frauen produzieren den Tonkern, die Männer übernehmen – nach einer Schmiedelehre - die Metallarbeiten. So entstehe nach und nach ein kleiner Wirtschaftskreislauf, der den Menschen mehr Ernährungssicherheit bringt, zum Schutz der Umwelt beiträgt und die Entwicklung auch langfristig absichere, erklärt Caritas-Auslandshilfechef Christoph Schweifer.

Politik in der Pflicht

So wolle man den Hunger zur Geschichte machen. Diesem Ziel will die Caritas nicht nur mit der aktuellen Spendenkampagne „Hilfe > Hunger“ einen Schritt näherkommen, sondern sie sieht auch die heimische Politik in der Pflicht. Denn Österreichs Mittel für Entwicklungszusammenarbeit sind im Vorjahr erneut gesunken und lagen mit 0,26 Prozent des Bruttonationalprodukts so tief wie schon lange nicht mehr. Das Ziel, diese Mittel auf 0,7 Prozent zu steigern, dürfe nicht aus den Augen verloren werden, „wie auch immer die nächste Regierung aussehen mag“, appelliert Caritas-Präsident Michael Landau.

Gestaltung: Alexandra Mantler

Praxis 24.7.2019 zum Nachhören (bis 23.7.2020):

Link:

Caritas Österreich