Vision von Gleichheit

Die meisten seiner Bücher schrieb Herman Melville im Vorfeld des amerikanischen Bürgerkriegs. Die Spannungen nahmen Mitte des 19. Jahrhunderts zu, innerhalb der Parteien und zwischen den sogenannten Sklavenstaaten im Süden und den Staaten im Norden, die die Sklaverei zwar offiziell ablehnten, aber deren Banken und Wirtschaft gut von ihr lebten.

Gedanken für den Tag 30.7.2019 zum Nachhören (bis 29.7.2020):

1850 thematisierte Melville in seinem Roman „Weißjacke oder Die Welt auf einem Kriegsschiff“, „dass das Auspeitschen in der Flotte der innersten Menschenwürde entgegensteht, die zu verletzen kein Gesetzgeber das Recht hat: dass dieses Strafmittel tyrannisch ist und mit himmelschreiender Ungerechtigkeit angewandt wird. Ja, dass es dem Geist unserer demokratischen Verfassung ganz und gar widerspricht“. Die Peitschenstrafe wurde bei der Marine bald darauf abgeschafft. Aber auch als Anspielung auf die Sklaverei waren Aussagen wie diese verstehbar.

Brigitte Schwens-Harrant
ist Literaturkritikerin und Feuilletonchefin der Wochenzeitung „Die Furche“

Der „Wilde“ und der Weiße

Aufgewachsen war der 1819 in New York geborene Herman Melville in einer Welt, in der eine Hierarchie der Rassen aber noch weitgehend als selbstverständlich galt. Umso erstaunlicher ist es, was man in seinem 1851 erschienenen Roman „Moby Dick“ zu lesen bekommt. Der Ich-Erzähler Ishmael möchte auf einem Walfängerschiff anheuern, er kommt in das „Gasthaus zum blasenden Wal“, in dem nur ein halbes Bett frei ist, und muss sich dieses daher mit einem dunklen „Wilden“ teilen.

Wie Melville das Zusammenfinden der beiden beschreibt, ist „eine der erstaunlichsten Passagen amerikanischer Literatur im 19. Jahrhundert“, findet der Biograf Arno Heller. Und so beschreibt Melville das Miteinander der bisher fremden Männer: „Es gibt keinen besseren Ort für Vertraulichkeiten unter Freunden als das Bett. Mann und Weib, so sagt man, öffnen einander dort ihre Seelen bis auf den tiefsten Grund, und manche alten Ehepaare liegen oft bis kurz vor Morgengrauen da und schwatzen von alten Zeiten. So auch Queequeg und ich in den Flitterwochen unserer Herzen – ein trautes Liebespaar.“

Melville lässt die beiden neuen Freunde sogar umarmt schlafen. Völlig ungewöhnlich, wenn nicht sogar skandalös für seine Zeit sind hier nicht nur die homoerotischen Anspielungen, sondern auch das Miteinander von dem sogenannten „Wilden“ und dem Weißen, ganz selbstverständlich und innig.

Buchhinweise:

  • Andrew Delbanco, „Melville. Biographie“, Verlag Hanser
  • Arno Heller, „Herman Melville“, Verlag Lambert Schneider

Musik:

Filmorchester unter der Leitung von Nicholas Britell: „What have they done?“ aus: IF BEALE STREET COULD TALK / Original Filmmusik von Nicholas Britell
Label: Lakeshore Records