Bibliotheken und Bilder

Zum 200. Geburtstag von Herman Melville: „Ich bin durch Bibliotheken geschwommen und über Weltmeere gesegelt“, stellt der Ich-Erzähler Ishmael in Herman Melvilles Roman „Moby Dick“ fest.

Gedanken für den Tag 2.8.2019 zum Nachhören (bis 1.8.2020):

In diesen Roman ist eine Unmenge an Büchern eingeflossen, Reise- und Forschungsberichte, Walkunde – und die Bibel. Auch aus „Moby Dick“ entstanden viele neue Bücher, ja Bibliotheken, nicht nur Literaturwissenschaftler arbeiten sich bis heute an ihm ab. Aber je mehr man darin liest, desto unergründlicher scheint dieses Buch.

Die Interpretationen dauern an

Das liegt zum Teil an der bildhaften Sprache, sie ist und bleibt mehrdeutig und regt zum allegorischen Lesen an. Und so hat jede Generation, jede Zeit ihre eigenen Interpretationen gefunden. Zum Beispiel zu Ahab, diesem despotischen Kapitän, der seine Besatzung darauf einschwört, ihm bei seiner persönlichen Rache, der lebensgefährlichen Jagd auf den Wal zu folgen, und der sie damit ins Verderben stürzt: „ich würde selbst die Sonne schlagen, wenn sie mich beleidigt.“

Brigitte Schwens-Harrant
ist Literaturkritikerin und Feuilletonchefin der Wochenzeitung „Die Furche“

In ihm können Leser die Demagogen ihrer jeweiligen Zeit erkennen. Oder einen verletzten, psychotischen Menschen im Kampf gegen das Böse. Oder gestaltet Melville mit Ahab seine eigene Auflehnung gegen einen bösen calvinistischen Gott? Die Interpretationen dauern an. Die Kraft der Literatur bleibt. Ein Beweis dafür, wie brillant Herman Melville seinen Roman gestaltet hat. Er weigerte sich, seine Werke auf Interpretationen zu reduzieren.

Selbst Melvilles Figur, Kapitän Ahab, spricht in Bildern, wenn er versucht zu erklären, was der weiße Wal ihm ist: „Wie kann der Häftling denn ins Freie, wenn er die Mauer nicht durchbricht?“, fragt Ahab rhetorisch und gibt sich selbst die Antwort: „Für mich ist dieser weiße Wal die Mauer, dicht vor mich hingestellt. Dahinter, denk ich manchmal, ist nichts mehr. (…) Dies unfassbare Ding ist es vor allem, was ich hasse.“

Natürlich ist der Wal ein Symbol, schrieb D. H. Lawrence einst. Aber wofür? „Ich bezweifle“, so Lawrence weiter, „daß Melville das selbst genau gewußt hat. Das ist das beste daran.“

Buchhinweise:

  • Andrew Delbanco, „Melville. Biographie“, Verlag Hanser
  • Arno Heller, „Herman Melville“, Verlag Lambert Schneider

Musik:

Filmorchester unter der Leitung von Blake Neely: „He’s a pirate“ aus: PIRATES OF THE CARIBBEAN : THE CURSE OF THE BLACK PEARL / Original Filmmusik von Klaus Badelt
Label: Walt Disney Records/WEA 5050466689924