Über eine ungehorsame Heilige

Studien belegen, dass der Vorname eines Kindes dessen Lebensweg beeinflussen kann. Jeder Name ist mit Klischees verbunden, und es ist nicht einfach, diese aufzubrechen. Ob ein Mensch Lisa oder Gertrude, Kevin oder Mohammed heißt, gibt uns eine Vorstellung vom Alter, von der Herkunft – und, ja, auch vom Charakter eines Menschen. Meinen wir zumindest.

Zwischenruf 11.8.2019 zum Nachhören (bis 10.8.2020):

An wen denken Sie, wenn Sie den Namen Klara hören? Wie sieht sie aus? Oder er? Wer ist dieser Mensch? Ich sehe vor meinem inneren Auge ein wohlerzogenes Mädchen mit langen, glatten, hellen Haaren, das in einem Rollstuhl sitzt. Heidi, deine Welt sind die Berge! Das naturverbundene Mädchen aus der Schweiz mit den braungelockten Haaren brauchte einen Kontrast und den erfand Autorin Johanna Spyri mit der besten Freundin Klara aus dem reichen Hause Sesemann in Frankfurt. Sie ist klug, ruhig und besonnen. Neben der aufgeweckten Heidi ist Klara der bravste Mensch der Welt.

Monika Slouk
ist Moderatorin, Kommunikationstrainerin und Pressesprecherin der Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare

Ich machte mir daher Vorwürfe, dass wir unsere Erstgeborene Klara nannten. Dunkelbraun gelockt kam sie zur Welt, sie erinnerte mich eher an Maugli aus dem Dschungelbuch als an einen Menschen namens Klara. „Sie wird dem Namen ihr eigenes Gesicht geben!“, meinte mein Mann gelassen.

Frau der Tat

Wenn ich mir den Lebenslauf von Klara von Assisi anschaue, dann brauche ich überhaupt keine Sorge haben, dass mein Kind zu brav und zu langweilig und zu angepasst werden muss mit diesem Namen. Eine unbravere, unangepasstere und selbstbewusstere Namenspatronin gibt es kaum.

Wäre heute nicht Sonntag, so würde der römisch-katholische Ritus heute, am 11. August, den Gedenktag der heiligen Klara begehen.

Klara war eine Frau der Tat. Als feindliche Truppen ihr Kloster einnehmen wollten, wartete sie nicht auf Hilfe von außen. Sie holte die Monstranz aus dem Tabernakel und stellte sich den Kriegern selbstbewusst in den Weg. Diese kehrten daraufhin um und ließen das Kloster in Ruhe. Eine Frau mit einer Monstranz in der Hand? Für manche auch 800 Jahre später noch eine Provokation.

Zwischenruf
Sonntag, 11.8.2019, 06.55 Uhr, Ö1

Eine ähnlich unbeugsame Ausstrahlung muss Klara schon viel früher gehabt haben. Denn als sie mit 18 aus ihrem noblen Elternhaus abhaute und sich zunächst bei Benediktinerinnen verschanzte, als dann auch noch ihre Schwester nachkam und wie Klara auf alle Zwangsverheiratungspläne der Familie pfiff, da platzte dem guten Vater doch der Kragen. Er wollte seine gebildeten Töchter keinesfalls an die Gosse verlieren, für die er die Armutsbegeisterten rund um Franz von Assisi hielt. Er schickte den jugendlichen Frauen Männer nach, die die beiden mit Gewalt nachhause bringen sollten. Doch Klara stellte sich zum Altar und erklärte den Auftragsentführern, warum sie hier sei. Diese dürften daraufhin ihren Mut verloren haben und ließen die zwei freiwillig Armutsbereiten in Ruhe.

Frauensolidarität

Klara war nicht nur ein Anhängsel des berühmten Franz von Assisi. Sie unterhielt sich brieflich intensiv mit ihrer Freundin, Agnes von Prag, über spirituelle Fragen. Frauensolidarität auf europäischer Ebene, könnte man heute sagen. Die Ordensregel, die Franz für Klaras Frauengemeinschaft geschrieben hatte, reichte ihr offenbar nicht. Denn später schrieb sie eine eigene und kämpfte für deren Anerkennung vom Papst. Erst als ihre Ordensregel endlich vom Vatikan anerkannt war, konnte Klara nach langer Krankheit friedlich sterben.

Ein Zitat aus dem Jahr der Heiligsprechung, bereits zwei Jahre nach ihrem Tod, rückt die heilige Klara in die Nähe unserer Zeit. Klara-Biograph Thomas von Celano schreibt: „In einer fast schon greisenhaft gewordenen, absterbenden Welt, in der die Tatkraft der Männer erlahmte, da erweckte Gott ganz neue, heilige Orden. In ihnen leuchtete der abendlich untergehenden Welt eine neue Heiligkeit auf.“ Wie sieht die neue Heiligkeit für die Welt aus? Wenn man auf Klara schaut, dann eher ungehorsam.