Die größte Katastrophe ist das Vergessen"

Zum Tag der Humanitären Hilfe. Eine Katastrophe. Wörtlich: Umwendung. Ein Unglücksereignis, das alles verändert.

Gedanken für den Tag 19.8.2019 zum Nachhören (bis 18.8.2020):

Ruba war in der zweiten Klasse, als die Katastrophe über sie hereinbrach. Ihre Eltern packten sie ins Auto und fuhren los. Weg aus Tripoli im Norden Libanons. Weg vom Bürgerkrieg. Hinüber nach Syrien. „Ich habe keine genauen Erinnerungen, ich war ein Kind. Ich erinnere mich nur an die Angst“, erzählt Ruba. „Es war dunkel. Ein Checkpoint nach dem anderen. Überall Männer mit Waffen.“

Begegnung von Angesicht zu Angesicht

Ein knappes Jahr hat die Libanesin als Flüchtling in Syrien gelebt. Das war in den 1970er Jahren. Heute kümmert sich Ruba um syrische Flüchtlinge im Libanon. Das Land mit seinen 6 Millionen Einwohnern hat 1, 5 Millionen Syrer aufgenommen. Ruba Khoury leitet das Libanon-Büro der christlich-orthodoxen Hilfsorganisation IOCC, einer Partnerorganisation der Diakonie Katastrophenhilfe. Im Juli hatte ich die Gelegenheit, die Arbeit vor Ort kennenzulernen.

Maria Katharina Moser
ist Direktorin der evangelischen Hilfsorganisation Diakonie

Stifte, um zu schreiben. Warme Mahlzeiten, von denen man auch satt wird. Begleitung durch eine Hebamme. Sauberes Wasser. Diese Unterstützungsleistungen sind überlebenswichtig. Aber es gehe nicht nur um die Unterstützung an sich, sagt Ruba, es gehe um das Wie der Unterstützung. Um Unterstützung mit Liebe und Respekt: „Die Flüchtlinge sollen nicht mit einer Organisation Bekanntschaft machen, sondern mit Gesichtern, mit konkreten Menschen. Sie sollen spüren, dass es jemanden gibt, der sie kennt und der sich für ihre Geschichten interessiert.“

Sicherheit braucht Beziehungen. Das hat Ruba am eigenen Leib erfahren. „Meine Eltern haben damals in Syrien eine Wohnung gemietet, ich ging in die Schule. Aber wirklich sicher habe ich mich erst gefühlt, als ich Freunde hatte“, erzählt sie. „An eines erinnere ich mich genau: Die Nachbarkinder sind mit Orangen gekommen. Wir haben ein Loch in die Orangen gebohrt, sie zusammengedrückt und den Saft herausgesaugt. Das war der Wendepunkt.“

Begegnung von Angesicht zu Angesicht schenkt Sicherheit in der Katastrophe – und Würde.

Musik:

„Dub4me“ von Soap Kills
Label: Putumayo World Music PUT 220-2