Sehnsucht nach großen Zahlen

Als Theologiestudent war ich einmal zu einem Spieleabend eingeladen. Bei einem Spiel musste ich die Frage beantworten: „Mit welcher Schlagzeile möchtest du einmal auf dem Titelblatt einer Zeitung stehen?“ Ich musste nicht lange überlegen und antwortete: Die Schlagzeile soll lauten: „1000 Menschen getauft“.

Zwischenruf 18.8.2019 zum Nachhören (bis 17.8.2020):

So bin ich. Ich mag große Zahlen, volle Gottesdienste, große Einheiten und zahlenmäßige Erfolge. Darum ist das kirchliche Leben für mich als Evangelischer in Österreich oft eine Herausforderung. Denn selten ist hier etwas groß. Unsere Kirchen liegen weit verstreut. Darum ist es oft zu beschwerlich für die Gläubigen, 10 oder 30 oder 50km zum Gottesdienst zu fahren. An anderen Orten wohnen schlichtweg so wenige Evangelische, dass selbst dann nicht viele im Gottesdienst sind, wenn ein großer Teil der Gläubigen kommt. Manchmal feiert man als Pfarrer dann mit weniger als zehn Personen Gottesdienst.

Lars Müller-Marienburg
ist Superintendent der evangelischen Kirche in Niederösterreich

„Nehm keinen Weg, der zu den Heiden führt“

Ich habe schon viele solcher Gottesdienste gefeiert. Und mittlerweile schätze ich sie, weil mich die treuen Menschen bewegen, die teilweise seit Jahrzehnten in ihren Wohnorten das evangelische Fähnlein hochhalten. Dennoch suche ich immer wieder nach Orten, an denen viele zusammenkommen. So begleite ich jährlich eine Jugendgruppe nach Taizé, wo sich im Sommer jede Woche mehrere Tausend – vor allem junge – Leute zum gemeinsamen Leben und Beten treffen.

Ausgerechnet in Taizé, diesem Ort voller Menschen, habe ich verstanden, dass ich mit meiner Sehnsucht nach großen Zahlen möglicherweise ganz schön falsch liege. Denn in Taizé sollte ich in diesem Jahr über eine verwirrende Aussage von Jesus predigen. Das Matthäusevangelium erzählt, dass Jesus zu seinen Jüngern gesagt hat: „Nehmt keinen Weg, der zu den Heiden führt! Und geht in keine Stadt, die den Samaritern gehört! Sondern geht zu den verlorenen Schafen: den Menschen, die zum Volk Israel gehören!“ (Mt 10,5-6)

Ein paar Verbündete reichen

Das überrascht, weil Jesus sich ja sonst zu allen Menschen hinorientiert hat – und nicht nur zum eigenen Volk. Und es hat mich verwirrt, weil ich ja selbst auch versuche, möglichst viele Menschen mit der guten Botschaft von Gottes Liebe zu erreichen. Wieso sollen sich die Jünger dann so einschränken?

Ich glaube, Jesus hilft seinen Jüngern mit dieser Einschränkung. Sie müssen nicht in die ganze Welt gehen. Sondern sie können bei den Menschen in ihrer Umgebung anfangen. Jesus zeigt ihnen: Der christliche Glaube ist ein persönlicher Weg, kein Massenphänomen. Darum – das ist meine neue Erkenntnis – geht es auch in der Kirche und in allen Gemeinschaften um echte, persönliche Begegnungen, um kleine Gruppen von wichtigen Menschen, nicht um Massen.

So habe ich dann auch verstanden, dass die wichtigen Menschen für mich in Taizé nicht die 2500 Jugendlichen aus der ganzen Welt sind, sondern unsere kleine Gruppe. Diese 10 Leute, die ich teilweise schon jahrelang kenne. Meine Pfarrerkollegin, der ich vertraue. Jugendliche, die ich schon seit Jahren durch Höhen und Tiefen begleite – und die mich umgekehrt so nehmen, wie ich bin. Darum: Schätzt das Kleine nicht gering. Worum auch immer es im Leben geht, oft reicht es aus, ein paar wenige Verbündete zu haben.