Prophetische Zeichen

Es war der erste Schultag in Schweden, der 20. August 2018, als Greta Thunberg sich ganz alleine vor das schwedische Parlament setzte mit einem Schild in der Hand „Schulstreik für das Klima“. Seither tut sie das jeden Freitag und tausende, ja hunderttausende Schülerinnen und Schüler weltweit sind ihrem Aufruf gefolgt.

Zwischenruf 1.9.2019 zum Nachhören (bis 31.8.2020):

„Ihr sagt, Ihr liebt Eure Kinder über alles. Und doch stehlt Ihr vor Ihren Augen ihre Zukunft“, schleuderte sie den Delegierten von Kattowice vergangenen Dezember ihre Vorstellung von Klimagerechtigkeit entgegen. Mit acht Jahren hatte sie begonnen, sich mit dem Klimawandel zu beschäftigen, Strom zu sparen und Papier zu recyclen. Worauf sie in eine tiefe Depression verfiel, zu essen aufhörte und das Sprechen einstellte. Sie bekam eine Diagnose im Asperger-Autismus-Spektrum gestellt. Die Erkenntnis, dass die Welt aus den Angeln gerät, hatte auch das Kind Greta Thunberg aus den Angeln gehoben.

Michael Chalupka
ist evangelisch-lutherischer Bischof in Österreich

Heilige des ökologischen Zeitalters

Sie hat wieder zur Sprache und zum Handeln gefunden mit ihrem Schulstreik für das Klima. Greta Thunberg ist ein Star geworden – durch ihren Auftritt beim Klimagipfel in Katowice und bei vielen verschiedenen internationalen Konferenzen. Ihren Weg mit dem Segelboot über den Atlantik haben viele verfolgt. Viele mit Bewunderung, manche mit Skepsis und einige mit blankem Hass. Viele konnten vorrechnen, wieviel CO2 Greta und ihre Crew denn doch verbrauchten bei ihrer Ozeanüberquerung, und diese Rechnung konnten auch die, die noch nie ihren eigenen ökologischen Fußabdruck berechnet haben.

Von Greta Thunberg wird verlangt, eine Heilige des ökologischen Zeitalters zu sein. Rein von jeder Umweltverschmutzung, schon die Atemluft des zarten Mädchens schient zu viel CO2 zu enthalten. Ihr wird vorgehalten, sich in den Social Media-Kanälen selbst zu vermarkten, am lautesten von den Herren und Meistern der politischen Inszenierung und Selbstvermarktung.

Propheten des Alten Testaments

Mich erinnert der beharrliche Protest von Greta Thunberg, die lange allein mit ihrem handgeschriebenen Plakat vor dem schwedischen Parlament gesessen ist, weniger an das Leben der Heiligen als an die Zeichenhandlungen der Propheten des Alten Testaments. So ging der Prophet Jesaja drei Jahre lang nackt und barfuß, um ein Zeichen zu setzen wider die falschen Bündnispartner seines Volkes.

Zwischenruf
Sonntag, 1.9.2019, 6.55 Uhr, Ö1

Der Prophet Hesekiel warnte vor dem drohenden Untergang Jerusalems, indem er die Umrisse der Stadt auf einen Ziegelstein zeichnete und sich selbst als Zeichen der Belagerung vor die Stadt legte. Und so lag er Tag und Nacht vor der Stadt – 390 Tage auf seiner linken Seite: ein Tag für jedes Jahr der Schuld des Hauses Israel; und 40 Tage auf seiner rechten Seite: ein Tag für jedes Jahr des Versagens der politischen Eliten des Hauses Juda. Dieses Zeichen hat auch zu Zeiten ohne Internet für Aufsehen gesorgt.

Das Ziel der prophetischen Zeichen, ob von Jesaja oder Jeremia, war immer ein und dasselbe: Sie riefen mit radikalen und spektakulären Mitteln zur Umkehr auf. Sie riefen dazu auf, auf einem Weg umzukehren, der direkt ins Verderben führt. Nichts anderes tun Greta Thunberg und all die, die ihrem Beispiel in der Fridays-for-future Bewegung weltweit folgen und die Umkehr einfordern auf dem Weg in die Klimakatastrophe.

Eine Sackgasse

Prophetische Zeichen werden dort notwendig, wo auf das rationale Argument nicht ausreichend gehört wird. Der breite wissenschaftliche Konsens, die Unterschriften auf dem Pariser Klimaschutzabkommen – all das scheint nicht zu genügen, um die Menschheit umkehren zu lassen. Deshalb sind prophetische Zeichen notwendig. Und prophetische Zeichen verlangen den ganzen Einsatz der Person, auch den körperlichen. Deshalb steht die Person so im Focus, sie wird selbst Teil des Zeichens.

Dass Greta deshalb heilig ist und so leben muss oder heiliggesprochen wird, ist nicht notwendig. Noch besser wäre es, sie müsste auch keine prophetischen Zeichenhandlungen mehr setzen, sie könnte ein ganz normales Leben in Schweden führen, lernen, in der Mittsommernacht tanzen und sich in Sven verlieben. Doch dazu bedürfte es der Umkehr. Und umzukehren tut immer Not, wenn man erkannt hat, dass der Weg eine Sackgasse ist.