Vom Essen und der Ernährung im Buddhismus

Was und wie essen wir heute? Vegan, vegetarisch, bio oder herkömmliche Hausmannskost? Fast könnte man den Eindruck bekommen, dass Essen zu einer neuen Religion geworden ist.

Zwischenruf 6.10.2019 zum Nachhören (bis 5.10.2020):

Als Siddhartha Gautama, der später als Erwachter zum Buddha wurde, noch als Asket unter Asketen das Entsagen übte, kam er eines Tages zur Einsicht, dieses Entsagen, dieser Verzicht bringt mir keine Befreiung. Vielleicht löst es manche Probleme, aber dafür entstehen andere.

Gerhard Weißgrab
ist Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft

Askese und Völlerei

Der Erzählung nach war es ein Hirtenmädchen, das ihm eine Schale mit Milchreis gab, nachdem er entschieden hatte, seine Praxis der Askese aufzugeben und einen neuen Weg zu suchen. Diese Schale mit Milchreis ist es auch gewesen, die seine Schüler, die ihm damals gefolgt sind, dazu gebracht hat, sich von ihm abzuwenden. Sie taten das mit den Worten: „Gautama ist der Völlerei verfallen – wir müssen uns einen neuen Lehrer suchen.“

Zwei Extreme: Die Askese und die Völlerei. Als Erwachter, als Buddha, bezeichnete Siddhartha Gautama beides dann als nicht heilsam, als nicht zielführend, als nicht zum Erwachen führend. Sein Leben als Asket, vor seiner Erleuchtung, ist wahrscheinlich auch der Grund, warum der Buddhismus heute noch fälschlich als asketische Religion verstanden wird. Er stellt aber einen Weg der Mitte dar, nicht nur, aber auch, weil er das asketische Leben genauso wenig als zielführend beschreibt wie die Völlerei. Diese Mitte will aber gefunden werden – in allen Dingen, nicht nur beim Essen.

Das Leiden der Tiere

Da die oberste Maxime der Lehre des Buddha darin besteht, Leid zu reduzieren und ganz aufzulösen und neues Leiden nicht entstehen zu lassen, sollten wir auch ganz besonders auf das achten, was wir kochen und essen. Wir sollen vor allem unsere Aufmerksamkeit schulen, um zu erkennen, auf welchem Wege unsere Lebensmittel produziert werden. Ob auf diesem langen Weg, von den Ursprüngen unserer Nahrung bis zum Essen, anderen Wesen Leid zugefügt wird.

Zwischenruf
Sonntag, 6.10.2019, 6.55 Uhr, Ö1

Natürlich kann nie wirklich völlig leidfrei produziert und gekocht werden. Es macht aber schon einen sehr großen Unterschied, auf welche Art Lebensmittel produziert und auch transportiert werden. Ein ganz bedeutendes Thema wird es dann, wenn es um Nahrung geht, bei der Tiere im Spiel sind.

Oberstes Ziel kann es sein, völlig auf tierische Nahrungsmittel zu verzichten. Aber auch, wer das nicht will oder kann, hat unendlich viele andere Möglichkeiten, das Leiden unserer Tiere in der Lebensmittelkette massiv zu reduzieren. Voraussetzung dafür ist es, grundsätzlich einmal die Tiere als fühlende Wesen zu erkennen und sie mit Empathie zu sehen. Im zweiten Schritt geht es dann um den wirklich genauen und scharfen Blick auf die Realität, wie Tiere behandelt werden, bevor sie auf dem Teller landen.

Auswirkung auf Körper und Geist

Übrigens, vor zwei Tagen wurde das Gedenken an Franz von Assisi, einen christlichen Heiligen gefeiert, dessen Einstellung zu den Tieren und zur Natur grundsätzlich der buddhistischen gleicht. Es zeigt sich, dass wir aus unterschiedlichen Quellen zu gleichen Schlüssen kommen können. Vielleicht erfolgt nach all dem automatisch nur mehr ein sehr selektiver Einkauf, bei dem nicht mehr das günstige Angebot und die Menge zählen, sondern jene Qualität, die sich daran misst, möglichst wenig Leiden zu verursachen.

Wir sind, was wir essen – lautet ein Spruch. Es ist sehr logisch, dass das, was wir essen, große Wirkung auf unseren Körper und unser Wohlbefinden hat. Genau dasselbe gilt auch für geistige Nahrung und ihre Wirkung. Machen wir uns vor der nächsten Konsumation bewusst, welche Auswirkung diese Nahrung auf den Körper und dieser Text auf unseren Geist haben werden.