Abimelech und die Jotams-Fabel

Heute vor zwei Wochen hat Österreich gewählt. Welche Regierung unser Land in Zukunft regieren wird ist allerdings noch offen. Und es wird wohl noch dauern, bis zwei oder drei Parteien ein gemeinsames Regierungspaket geschnürt haben.

Zwischenruf 13.10.2019 zum Nachhören (bis 12.10.2020):

Denn die Ausgangslage ist diesmal ja besonders komplex. Egal welche Parteien sich zu einer Regierung zusammentun wollen: ohne ausführliche Gespräche und hart errungene Kompromisse wird sich keine tragfähige Regierung bilden lassen.

Stefan Schröckenfuchs
ist Superintendent der evangelisch-methodistischen Kirche in Österreich

70 Herrscher

Angesichts dieses langwierigen Prozesses kann man sich fragen, ob nicht ein Wahlrecht sinnvoller wäre, das der stimmenstärksten Partei allein die Regierungsmacht zugesteht.

Die Idee, Macht zu konzentrieren, um die eigene Handlungsfähigkeit zu stärken, hat die Menschen schon immer fasziniert. Es gibt auch in der Bibel viele Geschichten, die davon erzählen. Besonders spannend finde ich die Geschichte von Abimelech im Buch „Richter“. Sie spielt in der Zeit, in der aus den nomadisch lebenden Großfamilien Israels das Königreich Israel hervorgegangen ist.

König der Bäume

Abimelech ist einer der vielen Nachkommen des Richters Gideon. Als er in Erscheinung tritt, regieren die Söhne Gideons – 70 Brüder an der Zahl – offensichtlich gemeinsam. Doch Abimelech fragt: „Was ist euch besser, dass siebzig Männer über euch Herrscher seien oder dass ein Mann über euch Herrscher sei?“ Abimelech hat dazu eine klare Meinung. Und so heuert er einen Trupp von Söldnern an und erschlägt mit ihrer Hilfe seine Brüder, um allein zu regieren.

Zwischenruf
Sonntag, 13.10.2019, 6.55 Uhr, Ö1

Nur sein jüngster Bruder Jotam entgeht dem Massaker. Und der findet deutliche Worte: in der sprichwörtlich gewordenen „Jotams-Fabel“ erzählt er von den Bäumen, die sich einen König wählen wollen. Doch keiner der Bäume ist dazu bereit. Weder der Ölbaum noch der Feigenbaum noch der Weinstock wollen sich zum König krönen lassen, denn sie alle sehen ihre Aufgabe darin, gute Früchte zu bringen. Und das wollen sie nicht für eine andere Aufgabe aufgeben. So bleibt schließlich nur der Dornstrauch übrig. Der ist gerne bereit, König zu werden. Jedoch zu seinen Bedingungen: ‚Wenn ihr mich wirklich zu eurem König machen wollt, dann bückt euch und sucht Schutz unter meinem Schatten! Sonst wird Feuer von meinen Dornen ausgehen, das sogar die Zedern des Libanon verbrennt!‘ Nun, wie viel Schatten man unter einem Strauch findet, der viele Dornen, aber wenige Blätter hat, kann man sich leicht ausmalen.

Weg der Kompromissfindung

Jotam spielt mit dieser Fabel nicht nur auf den Charakter seines Bruders Abimelech an. Er macht auch deutlich, wie trügerisch die Hoffnung ist, der eine Herrscher könne besser für Frieden sorgen als die vielen gemeinsam. Und so kommt es auch. Schon bald nach Abimelechs Machtergreifung kommt es zu Aufständen, bei denen schließlich auch Abimelech selbst ums Leben kommt. Der Traum von der gebündelten Macht, die Sicherheit und Fortschritt bringen sollte, endet in einer Katastrophe aus Misstrauen und Gewalt.

Gibt es etwas, was wir aus dieser Jahrtausende alten Geschichte lernen können? Die Zeit, in der Mord und Totschlag den Weg zur Macht ebnen, haben wir Gottseidank hinter uns gelassen. Was wir aber wohl mitnehmen können ist, den manchmal mühsamen Weg der Kompromissfindung nicht gering zu achten – und die Erwartungen an die Konzentration von Macht nicht zu überhöhen.