Große Töchter und Söhne

Und was haben Sie am gestrigen Nationalfeiertag gemacht? Mit der Familie oder mit Freunden in der Natur gewesen? Sich gewundert, dass die Geschäfte am Samstag geschlossen hatten und dann draufgekommen, dass Nationalfeiertag ist? An die Freiheit Österreichs gedacht? Oder vielleicht sogar „Heimat großer Töchter und Söhne“ gesungen?

Zwischenruf 27.10.2019 zum Nachhören (bis 26.10.2020):

Wenn ich von den großen Töchtern singe, so fallen mir in diesem Jubiläumsjahr „100 Jahre Frauenwahlrecht“ zunächst die ersten acht Frauen ein, die im März 1919 ins österreichische Parlament eingezogen sind.

Karin Weiler CS
ist Mitglied der Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis

100 Jahre Frauenwahlrecht

Eine davon war Hildegard Burjan, die Gründerin der Caritas Socialis, die Anfang Oktober übrigens auch ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert hat. Eine Geschichte von vielen großen Töchtern Österreichs, die von Hildegard Burjan inspiriert, das Leben in unserer Gesellschaft sozialer gestaltet haben – und das tun die Töchter und Söhne der Caritas Socialis ja bis heute mit ihren Einrichtungen zu den Themen Hospiz, Demenz, Kinder und Familien.

Hildegard Burjan ist zu einer großen Tochter Österreichs geworden, weil sie eine sozial sensible und engagierte Frau war. Ihr Einsatz für die Heimarbeiterinnen Wiens, ihr Streben nach fairen Arbeitsbedingungen, nach nachhaltigen Verbesserungen und gleichen Rechten für Frauen brachte sie in die Politik.

Wenn wir heute etwas von dieser großen Frau lernen können für unsere Gesellschaft, dann beginne ich bei der Politik im ganz Kleinen – dort wo wir selbst, jede und jeder einzelne, Verantwortung tragen – z.B. beim Einkauf. Hildegard Burjan formulierte im Wissen um die Ausbeutung der Heimarbeiterinnen und ihrer Kinder: „Kaufen wir nur bei gewissenhaften Kaufleuten, drücken wir nicht so sehr die Preise, verlangen wir von Zeit zu Zeit Rechenschaft über den Ursprung der Waren!“ Hildegard Burjan appelliert an die Verantwortung beim Einkauf, sie ruft zum fairen Handel auf und ist damit eine Vordenkerin einer Sorge für das gemeinsame Haus.

Gewissen des Parlaments

Beispielgebend und mehr als aktuell ist Hildegard Burjans politischer Einsatz über die Parteigrenzen hinweg. Gemeinsam mit der weltanschaulich ganz anders denkenden Anna Boschek setzte sie das Hausgehilfinnengesetz durch. Das erste von Frauen für Frauen vorbereitete und eingebrachte Gesetz. Es zeichnet sie aus, um der Sache willen das Verbindende zu suchen: „Je fester ein Mensch von seiner Weltanschauung überzeugt und durchdrungen ist, desto ruhiger erträgt er andere Meinungen, desto mehr sucht er überall das Versöhnende, Verbindende heraus und ignoriert bei gemeinsamer Arbeit das Trennende.“

Zwischenruf
Sonntag, 27.10.2019, 6.55 Uhr, Ö1

Sie ist überzeugt, „die über allen Parteiunterschieden stehende Not wird die Frauen der verschiedenen Weltanschauungen zu gemeinsamer Frauenarbeit zusammenführen. Wir Frauen wollen nicht unsere beste Kraft verbitternden, fruchtlosen Parteikämpfen opfern, sondern praktische, die Gesamtheit fördernde Arbeit leisten. Wir brauchen den Geist des Friedens und der Versöhnung in sachlicher, uneigennütziger Arbeit.“ Hildegard Burjan wurde nicht umsonst das „Gewissen des Parlaments“ genannt.

Ich wünsche uns in diesen Tagen – am besten nachträglich zum Nationalfeiertag große Söhne und Töchter der heutigen Zeit, die sich als gewissenhafte Menschen in Politik und Gesellschaft erweisen.