Als nichts zu sehen war...

Ich bin in Wien im Schatten des Stephansdom und im Lichte der Synagoge aufgewachsen. Der Stephansdom war meine Pfarrkirche und vom Küchenfenster der elterlichen Wohnung hatten wir einen Blick auf den Stadttempel.

Gedanken für den Tag 7.11.2019 zum Nachhören (bis 6.11.2020):

Wenn dort Licht brannte, wussten wir, dass im Stadttempel gebetet und gefeiert wurde. Gesprochen wurde damals darüber nicht. Es war ein nebeneinander Leben, von Begegnungen unterbrochen.

Längst Vergangenes

Jahrzehnte später besuchten die eigenen Kinder ein Gymnasium im 2. Wiener Gemeindebezirk. Dieses forschte im Jahre 1988 nach den jüdischen Schülerinnen und Schülern, die 1938 die Schule verlassen mussten. Die Bevölkerung des „Mazzesinsel“ genannten 2. Bezirks war 1938 zur Hälfte jüdisch und wurde danach fast vollständig vertrieben und viele ermordet. Zur Unterstützung dieses Projektes organisierte ich eine Führung durch die „Mazzesinsel“. Die Fremdenführerin hatte eine Foto-Mappe, um uns mit deren Hilfe eine Vorstellung zu vermitteln von den Synagogen und jüdischen Einrichtungen.

Martin Jäggle
ist katholischer Theologe und Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit

Damals, 50 Jahre danach, erinnerte fast nichts mehr an die Zeit bis 1938. So war nicht nur die jüdische Bevölkerung ausgelöscht, sondern auch die jüdische Geschichte des Bezirks. „Als nichts zu sehen war, mir aber die Augen aufgingen“ nannte ich meinen Bericht über diese Führung. Warum war es so wichtig und in der Bevölkerung so akzeptiert, ein halbes Jahrhundert jede öffentliche Erinnerung an die „Mazzesinsel“ zu verhindern?

Schon damals wollten zu viele Schluss machen mit dem ewigen Gedenken an längst Vergangenes, aber wer die Erinnerung verweigert oder die damalige Zeit gar verklärt, wird auch die Menschenrechte schwächen, deren „Nichtanerkennung und Verachtung … zu Akten der Barbarei geführt haben, die das Gewissen der Menschheit mit Empörung erfüllen“, wie es in der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt.

Musik:

Reduka Klezmer Band: „Mein Schtetele“ von Charles VanBerg
Label: L & M 38606