Kindertage

Auf die Frage seiner Freunde, wer im Himmelreich der Größte ist, stellt der Wandersmann aus Nazareth ein Kind in ihre Mitte und sagt ihnen: „Wenn ihr nicht Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ (Mt 18,2)

Gedanken für den Tag 16.11.2019 zum Nachhören (bis 15.11.2020):

Christine Lavant nimmt diesen Gedanken in einem ihrer Gedichte auf und ergänzt ihn durch den Hinweis, dass auch die Greise uns den Weg zum Himmel weisen, weil ihr Blick „über alles Nahe weit hinaus“ weist und sie „wie Hirten ihre Herden vor sich hintreiben, ihrer Kindertage gewachsenen Glanz in neue Heimat“ einführen:

Arnold Mettnitzer
ist Psychotherapeut und katholischer Theologe

Saht ihr die Greise in den Türen stehen?
Und auf den Bänken sitzen vor den Zäunen,
wie sie die Stirnen in die Sonne drehen,
wie ihre Hände wunderlich erbräunen,
wenn sie in ihre fahlen Bärte tasten?
Es ist, als ob sie nichts erfassten
Von dir, vom Hunde oder von dem Haus.
Sie sehen über alles Nahe weit hinaus,
und was sie lächeln, mutet an wie Sage,
die wir verloren und einst finden werden.
Sie treiben, so wie Hirten ihre Herden
Vor sich hintreiben, ihrer Kindertage
gewachsnen Glanz in neue Heimat ein …
Wir werden niemals wo zu Hause sein,
wenn wir nicht Greise oder Kinder werden –
mag uns das Alter auch die Haare bleichen!
Wenn unsere Herzen nicht den Hirten gleichen,
so sind wir fremd im Himmel wie auf Erden.

Buchhinweis:

Christine Lavant, „Gedichte aus dem Nachlass“, Wallstein Verlag

Musik:

Heinz Holliger/Oboe und Alfred Brendel/Klavier: „Stück im Volkston für Klavier und Oboe op. 102 Nr. 3 - Nicht schnell, mit viel Ton zu spielen“ von Robert Schumann
Label: Philips 4168982