Ein Stück Mauer mit Zertifikat

Berlin hat mich viele Jahre begleitet. Begonnen hat es 1964, als ich als Stipendiatin des Weltkirchenrats zum Studium in Deutschland war. Alle Stipendiaten sind nach Berlin geschickt worden, um die geteilte Stadt kennenzulernen.

Zwischenruf 10.11.2019 zum Nachhören (bis 9.11.2020):

Mit einer klapprigen US-Maschine bin ich durch den Korridor der Alliierten nach Berlin geflogen, mein erster Flug, und im engen Flughafen Tempelhof gelandet, mitten zwischen den Häusern, die zu meinem Erstaunen stehen geblieben sind.

Susanne Heine
ist Theologin und Religionspsychologin

Freiheit und Demokratie

Später war ich häufig zu Vorträgen nach Berlin eingeladen, Mitte der 1980er Jahre zu einer Tagung in Ost-Berlin. Diesmal ist der Flug nach Berlin-Schönefeld gegangen, den Flughafen der DDR. Von dort bin ich gleich in eine Station der Volkspolizei verfrachtet und lange befragt worden, dann mit einem Einreisestempel entlassen. Tags darauf eine Führung zum Dom und zu den Schätzen des Pergamon-Museums. Ein grauer Novembertag, wir stehen bei der Mauer und schauen hinüber zum Brandenburger Tor. Dahinter auf einer Plattform im Westen versammeln sich Menschen, die zu uns nach Osten herüberschauen. Blicke der Sehnsucht oder Ratlosigkeit, wer weiß. Dazwischen der breite Streifen, Todesstreifen genannt, da er vielen Freiheit Suchenden das Leben gekostet hat. Nur für hunderte von Kaninchen ist dieser Streifen ein geschützter Lebensraum.

Vortragseinladungen haben mich auch in das sogenannte Sprachenkonvikt geführt, eine theologische Ausbildungsstätte in Ost-Berlin, die der Tradition der „Bekennenden Kirche“ verpflichtet war. Bekennende Kirche haben sich Gruppen innerhalb der evangelischen Landeskirchen genannt, die gegen die Vereinnahmung durch die Nazis Widerstand geleistet hatten. Als einer „selbstständigen Theologenausbildung“ war es dem Konvikt möglich, sich staatlichen Einflüssen einigermaßen zu entziehen, und von den Lehrenden, Studierenden und den Pfarrgemeinden sind wichtige Impulse für Freiheit und Demokratie ausgegangen.

Utopische Szene

Das Konvikt war nicht weit vom Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße entfernt. Eine riesige Menschenschlange, Volkspolizisten mit Pokerface, der Pass wird abgenommen, bekomme ich ihn wieder zurück? Lange Befragungen, Fahndungslistenkontrolle, kein gutes Gefühl. Beim Deutschen Kirchentag im Juni 1989 war ich zusätzlich in eine durch die Mauer geteilte Gemeinde zu einer Bibelarbeit eingeladen. Ein kleiner Gemeindesaal, dahinter die Mauer, Stacheldraht, der Todesstreifen in der Nacht grell beleuchtet – gespenstisch.

Zwischenruf
Sonntag, 10.11.2019, 6.55 Uhr, Ö1

Die Vortragseinladungen nach Berlin waren ja immer längerfristig geplant, und als ich ein paar Tage nach dem 9. November 1989 wieder in Berlin war, hab‘ ich gesehen, was ich nie erwartet hätte: Die Mauer war offen. Dass Menschen hin und zurück durch das Brandenburger Tor spazieren, ist mir wie eine utopische Szene aus einem Science Fiction-Film vorgekommen. Unfassbar, aber wahr.

Und noch ein Zufall

Im Oktober 1990 hatte ich im Berliner Kirchenamt zu tun, nicht ahnend, dass genau zu dieser Zeit, am 3. Oktober, der Tag der Deutschen Einheit gefeiert wird. Strahlende Sonne, britische, amerikanische, französische Militärkapellen spielen auf, Volkspolizisten, Männer und Frauen in Uniform geben auf Wunsch DDR-Stempel in die Pässe als Souvenir, Mauerstücke mit Zertifikat werden verkauft.

Fünf Jahre später, ein großer Maria Montessori-Kongress an der Humboldt-Universität. Mein Vortrag enthält auch kritische Bemerkungen zu Montessoris Konzept und spaltet die über 1000 Teilnehmer/innen in zwei Lager. Ein Mann springt auf, reißt mir das Mikrophon aus der Hand, hält eine Rede gegen mich, die Verräterin der großen Pädagogin, im DDR-Propaganda-Stil. Einmal gelernt ist gelernt. Sehr einig war die Einheit nicht. Sie ist es bis heute nicht.

Merkwürdig: Vor 30 Jahren wurde die Mauer niedergerissen, der Freiheit wegen. Heute würden sich manche Länder am liebsten selbst einmauern, der Angst wegen. Aber es ist wohl nie erfreulich, hinter einer Mauer zu leben, trotz allem.