Aus der Baumperspektive

Wie uns Tiere und Pflanzen aus der Krise helfen können: Die Natur liebt das Wachstum. Ein Baum etwa wächst vom Samenkorn bis zum ausgewachsenen Baum um das 5300fache pro Jahr.

Gedanken für den Tag 20.11.2019 zum Nachhören (bis 19.11.2020):

Man stelle sich vor, auf den Börsen würden die Aktien wie die Bäume in den Himmel wachsen. Das wäre nicht nur wegen der Wachstumsrate enorm reizvoll, sondern auch wegen der Art, wie die Bäume das machen. Sie wachsen nämlich rekordverdächtig krisenfrei.

Fotosynthetische Fabriken

Das Ziel des Baumwachstums ist nämlich nicht einfach Wachstum um jeden Preis, wie das die Märkte so offen zelebrieren, sondern Stabilität. Kein Teil des Baumes wird bei der Verteilung der produzierten Nährstoffe und Moleküle vergessen, überall wird Substanz angelagert, welche die Elastizität und die Überlebensfähigkeit des Gesamten steigern. Nicht umsonst sind die ältesten Bäume 9000 Jahre alt.

Oliver Tanzer
ist Autor und Wirtschaftsjournalist und leitet das Wirtschaftsressort der Wochenzeitung „Die Furche“

Unser Wachstum in Umsatz, Dollar und Gewinn ist da ganz anders. Es denkt nicht an das Ganze. Es denkt an sich als Selbstzweck. Die Summe heiligt die Ungleichheit. Die Finanzmärkte haben längst den höchsten Anteil am Gewinn für sich beansprucht, und diese Entwicklung verstärkt sich immer weiter. Das Kapital bleibt sozusagen in der Baumkrone der Wirtschaft hängen, während Stamm und Wurzeln der Realwirtschaft hungern. Beim ersten Sturm passiert dem Finanzbaum, was passieren muss: Die Krone bricht ab.

Man müsste also umdenken. Aber wie? In einem bescheidenen Wunschtraum würde das Vermögen des Einzelnen durch gesunde Anlageformen zur Stabilität der Gesellschaft beitragen. Wenn man aber ganz ehrgeizig sein wollte, dann würde man überhaupt gleich das eigentliche Verfahren des Baums kopieren. Die Fotosynthese. Man würde Fabriken bauen, die wie die Bäume aus der Luft CO2 entnehmen und mithilfe von Sonnenlicht daraus Zucker produzieren. Dieser Zucker kann in Nahrung verwandelt werden ebenso wie in Treibstoff. Und aus den Schornsteinen dieser fotosynthetischen Fabriken würde reiner Sauerstoff steigen. Damit hätte man die Energiefrage und das Klima gleichzeitig gelöst, nach dem Motto: Sprit aus dem Spirit der Bäume.

Buchhinweis:

Oliver Tanzer, „Animal Spirits“, Molden-Verlag

Musik:

London Philharmonic Orchestra und New Zealand Symphony Orchestra unter der Leitung von Howard Shore: „Concerning Hobbits“ aus: THE LORD OF THE RINGS : THE FELLOWSHIP OF THE RING/Original Filmmusik von Howard Shore
Label: Reprise 9362481102