Fledermäusliche Überzeugungsarbeit

Wie uns Tiere und Pflanzen aus der Krise helfen können: Fledermäuse haben einen traditionell bestialischen Ruf. Sie sind die Wappentierchen der Vampire, und waren lange Zeit von manchem medizinischen Aberglauben verfolgt.

Gedanken für den Tag 22.11.2019 zum Nachhören (bis 21.11.2020):

Der Kirchenlehrer Albertus Magnus etwa riet an Kurzsichtigkeit leidenden Studenten, sich das Gesicht mit Fledermausblut zu bestreichen, um besser in der Nacht sehen zu können. Das war im wahrsten Sinne kurzsichtig.

Weg der sanften Überzeugung

Die Fledermäuse selbst hingegen sind in ihrem Umgang miteinander äußerst weitsichtig. Besonders augenfällig wird das, wenn es um das Fressen geht, und wenn man so will, um die Moral. Denn es ist bei einigen Fledermausarten durchaus üblich, bis zu 30 Prozent der Nahrung mit trächtigen oder jungen Fledermäusen zu teilen. Nun gibt es aber auch Fledermäuse, die diesen Dienst an den anderen verweigern. - Mit der Konsequenz, dass auch sie von den anderen nicht gefüttert werden. Aber das ist nicht das Erstaunlichste.

Oliver Tanzer
ist Autor und Wirtschaftsjournalist und leitet das Wirtschaftsressort der Wochenzeitung „Die Furche“

Das Auffälligste ist, dass die Geizkrägen und Egoisten unter den Fledermäusen nicht angefeindet oder vertrieben werden. Sie werden geduldet und können jederzeit zurückkehren, vorausgesetzt, dass sie ihre Nahrung wieder teilen, was auch sehr häufig gelingt. Das erinnert an ein Konzept, das unter dem Begriff „nudging“ bekannt wurde, also Veränderungen durch sehr sanften Druck anzustoßen. „Nudgen“ oder anstupsen ist der Weg der sanften Überzeugung.

Um andere anzustoßen, muss man sich aber zunächst selbst einmal angestoßen haben, um zu sehen, ob das eigene Haus in Ordnung ist. Etwa durch Fragen wie: Würde ich meine Arbeit auch ohne Bezahlung gerne tun? Was würde ich stattdessen gerne tun? Mit wie vielen Menschen habe ich mehr als nur beruflich kommuniziert? All das sind kleine Fragen, die vielleicht zu großen Antworten führen. Viktor Frankl hat einmal gesagt: „Das Leben ist es, das dem Menschen Fragen stellt. Der Mensch hat ihm zu antworten.“ Diese Antworten fallen schwerer als es scheint, weil sie von Gewohnheiten und Sachzwängen gehemmt werden. Aber wer es wagt und genau hinhört, würde begeisterten Applaus hören. Aus der Fledermaushöhle.

Buchhinweis:

Oliver Tanzer, „Animal Spirits“, Molden-Verlag

Musik:

Filmorchester unter der Leitung von Jonathan Sheffer: „Born to darkness part I“ aus: INTERVIEW MIT EINEM VAMPIR/Original Filmmusik von Elliot Goldenthal
Label: Geffen GED 24719