„Nicht zu hassen...“

Frauen der griechischen Tragödie: Phädra. „In langer Nacht bedachte ich schon oft, was unser Menschendasein so verdirbt“, so sinniert die schöne Phädra, Gemahlin von Theseus, dem legendären König von Athen, der neben seinen zahlreichen Heldentaten natürlich keine Zeit für seine Frau fand.

Gedanken für den Tag 9.12.2019 zum Nachhören (bis 8.12.2020):

Phädra verliebte sich in ihren Stiefsohn, unglücklich, denn er weist sie zurück und tödlich endet die Liebe.

Phädra weiß um ein Grundbefinden menschlichen Versagens, Euripides lässt es sie auch benennen: „nicht der Unverstand ist Wurzel allen Übels – Einsicht fehlt den meisten nicht, ganz anders liegt der Grund: Was recht ist, sehen wir und wissen wir und tun es doch nicht, sei‘s aus Lässigkeit, sei‘s weil die Lust des Augenblicks das Werk verdrängt, und mancherlei Verlockung gibt’s.“

Hubert Gaisbauer
ist Publizist und Autor

Als ginge die Zeit im Kreis

Und dann sind meistens natürlich die Götter schuld, die launischen, die falschen – und treiben sie nicht unter allen möglichen Namen noch immer ihr Spiel? Sie heißen eben nicht Zeus, Aphrodite und Ares sondern eben Lässigkeit, Lust des Augenblicks, Genuss und Verlockung der Macht und des Habens?

Und immer wieder sind es die Frauen, deren Leid uns ganz direkt anspricht. Iphigenie und Antigone, Atossa , Agaue und Alkestis. Von Göttern und Männern wurde ihnen Gewalt angetan, und auch sie können – in die Enge getrieben – hassen und morden.

Immer wieder ist es erstaunlich, wie zweieinhalbtausend Jahre alte Texte Fragen von zeitloser Gültigkeit aufwerfen. Griechische Tragödien - heute gelesen oder im Theater gesehen – zeigen: Wir mühen uns noch immer auf demselben Weg, als ginge die Zeit nur im Kreis…

Musik:

Branford Marsalis/Saxophon und Modern Jazz Quartet: „Come rain or come shine“ aus dem Musical „St.Louis woman“ von Harold Arlen
Label: Atlantic Jazz 7567825382