Antigone

Lichtgestalt. Antigone: Tochter der blutschänderischen Ehe zwischen Ödipus und Iokaste. Schwester zweier bis aufs Messer zerstrittenen Brüder. Nichte eines starrsinnigen Machthabers, der sie in den Tod schicken wird. Inmitten dieser gewaltgetränkten Familiengeschichte steht sie, Antigone, Lichtgestalt.

Gedanken für den Tag 10.12.2019 zum Nachhören (bis 9.12.2020):

Selbst geblendet hat sich Ödipus, nachdem ihm vor Augen stand, wie schrecklich sich ein Orakelspruch erfüllt hat: Mord am Vater, Heirat der Mutter. Zärtlich führt sie ihn jetzt, den Vater, Antigone, an der Hand ins Exil, bis ihn ein sanfter Tod – wie es Sophokles schreibt – aus dem Elend hinweg nimmt.

Hubert Gaisbauer
ist Publizist und Autor

Lichtgestalt im unerlösten Dunkel

Jetzt tobt in Theben der Streit um die Herrschaft zwischen den Brüdern, Zwillingen gar. Der eine hatte den andern vertrieben – und der will sich jetzt holen, was er für sein erachtet. Also Krieg. Verhandeln ist da kein Weg. Zweikampf am siebenten Tore von Theben. Schon haben sie einander durchbohrt und liegen im Blut. Doch ein Grab – so gebietet der neue König – soll nur der eine haben, der die Mauern der Stadt verteidigt hat. Den Angreifer mögen draußen die Raben fressen und die gierigen Wölfe. Tod dem, lässt der König verkünden, der sich dem Erlass widersetzt. „Denn der Feind wird nie, auch nicht im Tode ein Freund“, sagt der König.

Doch für Antigone ist es ein göttlich Gebot, auch dem anderen Bruder ein Grab zu schaufeln. Und sie tut es. Zur Verantwortung gezogen erklärt sie im berühmten Vers 523 von Sophokles‘ Tragödie: „Ich bin nicht geboren um endlos zu hassen, sondern um grenzenlos zu lieben.“ Und: „Ich mag nicht Liebe, die mit Worten liebt.“

Antigone, Lichtgestalt im unerlösten Dunkel der griechischen Tragödien. Sie stirbt verlassen, aber autonom als die, die sie ist. Wenn Recht und Gerechtigkeit in Zwiespalt geraten, entscheidet für sie das Gewissen.

Musik:

David „Bubba“ Brooks/Tenorsaxophon, Michael Howell/Gitarre, Bross Townsend/Piano, Bob Cunningham/Bass und Grady Tate/Drums: „Willow weep for me“ aus dem Film „Love happy“ von Ann Ronell
Label: Claves Jazz 501395