Einsamkeit im Advent

Der Advent ist eine besondere Zeit. Dem Advent wohnt eine besondere Art des Wartens inne. Beim Warten wird mir die Zeit bewusst. Wenn viel los ist, ich viel beschäftigt, eingebunden bin, dann läuft die Zeit wie von selbst.

Zwischenruf 15.12.2019 zum Nachhören (bis 14.12.2020):

Aber wenn ich warte, kommt plötzlich die Zeit daher. Die Zeit kann, wenn ich kein Ziel habe und nichts, worauf ich warten kann, ein großes Ärgernis sein. Dann will ich die Zeit totschlagen, will sie wegbekommen. Wenn ich kein Ziel und keine Erwartung mehr habe - arbeitslos bin ohne Chancen, alt und einsam, allein - dann ist das Warten eines der schlimmsten Gefühle, die ich haben kann. Beim Advent ist es für mich das Schöne, dass es ein Ziel gibt, dass ich auf etwas hin warten kann, dass ich in Erwartung bin. Vorfreude ist ja oft die schönste Freude. Dann wird die Zeit kostbar und reich. In Erwartung wird die Welt tönend, farbig, warm und frisch.

Martin Schenk
ist Armutsexperte und stellvertretender Direktor der Diakonie

Auf Niemanden zählen können

Sie klopften an 5000 Türen. Und fragten: Was läuft gut, was schlecht an Ihrem Wohnort? Was würden Sie gerne ändern? Die Gespräche fanden in jeweils drei Regionen in Ost- und Westdeutschland sowie Nord- und Südfrankreich statt. Dabei beantworteten die Leute allgemeine Fragen zu ihrer persönlichen Lage sowie zur Sicht auf ihr Lebensumfeld und das Land. Alle Befragten haben sehr offenherzig und lange erzählt. Die Gespräche dauerten im Durchschnitt über 25 Minuten. Der Redebedarf war groß; die Erfahrung gut, endlich wahrgenommen zu werden. Das, was alle beschäftigte, das, was alle zur Sprache brachten, das, was in jedem Gespräch sich in der Tiefe äußerte, war: Wir sind hier verlassen worden. Ich bin verlassen. Vergessen und abgelegt. Einsam und isoliert. Der letzte Greißler hat geschlossen, der letzte Bus ist eingestellt, der letzte Job ist abgewandert. Die Welt gibt es da draußen, aber ich bin nicht mehr mittendrin. Die Welt mag tönend, farbig, warm und frisch sein. Meine Welt ist es nicht.

In Österreich sagen 17 Prozent, dass sie im Ernstfall auf Niemanden zählen können. Dass also niemand da ist, wenn man Hilfe braucht. Dass die Welt fremd geworden ist zu einem selbst. Wer sich von allen guten Geistern verlassen fühlt, verliert auch das Vertrauen in die Welt rundum. „Den meisten kann man vertrauen. Stimmt das?“, fragt die Statistik Austria. Am wenigsten „Ja“ darauf sagen können diejenigen, die schlechte Jobs haben, die unter der Armutsgrenze leben, die am sozialen Rand stehen. Und: In Ländern, in denen die soziale Schere zwischen Arm und Reich aufgeht, ist dieses „Ja“ geringer – und zwar bei allen.

Warten auf ein Ziel

Unfreiwillige Einsamkeit macht krank und belastet den Alltag. Hier geht es nicht um das selbst gewählte Alleinsein, das im Fasten oder Schweigen Kraft gibt. Jeder bzw. jede Zehnte klagt über soziale Isolation und Einsamkeit. Die Folgen wiegen schwer: Vereinsamte werden anfälliger für Krankheiten, schlittern öfters in eine Depression, verlieren an Kraft. Einsamkeit wird schlimmer mit dem Alter, ärger mit Armut, bedrohlicher mit sozialen Krisen und belastender mit schlechter sozialer Infrastruktur.

Zwischenruf
Sonntag, 15.12.2019, 6.55 Uhr, Ö1

Einsamkeit bedeutet, sich von der Welt getrennt fühlen. Das „Kohärenzgefühl“ beschrieb der Arzt Aaron Antonovsky als eine globale Orientierung, die das Maß ausdrückt, in dem man ein durchdringendes, andauerndes aber dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass die eigene innere und äußere Welt vorhersagbar ist und dass es eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass sich die Dinge so entwickeln werden, wie vernünftigerweise erwartet werden kann. Aus diesen Gründen wird das Kohärenzgefühl auch als „Weltsinn“ bezeichnet. Antonovsky betonte, dass der Kohärenzsinn auf gesellschaftliche Bedingungen bezogen sei. Keine Handlungsspielräume haben, weniger Anerkennung bekommen und von Dingen ausgeschlossen zu sein, über die andere sehr wohl verfügen, ist Ausdruck einer sozialen Krise, in der auf Dauer unser Weltsinn leidet.

Beim Advent es für mich ist das Schöne, dass es ein Ziel gibt, dass ich auf etwas hin warten kann, dass ich in Erwartung bin. Deshalb darf niemand zurückgelassen werden, niemand darf allein gelassen werden, niemand darf vergessen werden. Mit Weihnachten kommt etwas Quietschlebendiges auf die Welt.