Der Schwester zu Silvester

Silvester. Auch für Theodor Fontane Gelegenheit, Gereimtes zu verfassen. War er ein Gelegenheitsdichter?

Gedanken für den Tag 31.12.2019 zum Nachhören (bis 30.12.2020):

Sein Biograf Hans Dieter Zimmermann fragt das, weil dieses Wort von der Gelegenheit doch abträglich und missverständlich aufgenommen werden könnte - und weiter, ob denn nicht alle seine Gedichte Gelegenheitsgedichte seien, das heißt, nicht aus seinem Empfinden und Erleben, sondern aus einem äußeren Anlass entstanden.

Ein leuchter Funke

Fontane schrieb mindestens 500 solcher Gelegenheitsgedichte, eine ungeheure, beispiellose Fülle von launigen Versen. Nicht immer wären das Meisterwerke gewesen – so Zimmermann - aber ihren Reiz hätten sie doch allemal. Unverblümt kommt sein Humor heraus, wenn er der Schwester zu Silvester ein Gedicht widmet:

Konrad Holzer
ist Publizist

DER SCHWESTER ZU SILVESTER
Habe ein heitres, fröhliches Herz,
Januar, Februar und März,
Sei immer mit dabei In April und Mai,
Kreische vor Lust In Juni, Juli, August,
Habe Verehrer, Freunde und Lober
In September und Oktober,
Und bleibe meine gute Schwester
bis zum Dezember und nächsten Silvester.

Das Gedicht zum Neuen Jahr zeigt eine ganz andere Seite von Fontanes Wesens auf:

Ein neues Buch, ein neues Jahr
Was werden die Tage bringen?
Wird‘s werden, wie es immer war,
Halb scheitern, halb gelingen?
Wird‘s fördern das, worauf ich gebaut,
oder vollends es verderben?
Gleichviel was es im Kessel braut,
nur wünsch’ ich nicht zu sterben.
Ich möchte noch wirken und schaffen und tun
und atmen eine Weile,
Denn um im Grabe auszuruh’n,
Hat’s nimmer Not noch Eile.
Ich möchte leben, bis all dies Glüh´n
Rücklässt einen leuchtenden Funken.
Und nicht vergeht wie die Flamm’ am Kamin,
die eben zu Asche gesunken.

Dieser Wunsch, einen leuchten Funken zu hinterlassen, ist Theodor Fontane wahrlich in Erfüllung gegangen.

Musik:

Konrad Mastylo/Klavier: „Nocturne II“ aus: ELISA / Original Filmmusik von Zbigniew Preisner
Label: Philips 5267502