Der Stechlin

Zum 200. Geburtstag von Theodor Fontane: Fontanes Lebenskraft reichte gerade noch aus, um seinen Roman „Der Stechlin“ zu vollenden. Das Werk wurde gleich nach seinem Erscheinen vor 120 Jahren viel gelesen und schnell berühmt.

Gedanken für den Tag 4.1.2020 zum Nachhören (bis 3.1.2021):

Er selbst schrieb darüber: „Zum Schluss stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht.“ Fontane nimmt all das, was Handlung sein könnte, aus der Geschichte heraus: „von Herzenskonflikten, oder Konflikten überhaupt, von Spannungen und Überraschungen findet sich nichts.“

Konrad Holzer
ist Publizist

Eine lichtvolle Leichtigkeit

Es ist einer der eigenartigsten Romane der deutschen Literatur, die Charaktere der handelnden Personen erschließen sich aus der Betrachtung durch Mitmenschen, nicht aus der Beschreibung des Autors. Es geht Fontane darum, wie Menschen miteinander reden. Der Stechlin ist belebte Konversation: Die Leute gehen spazieren und reden, sie setzen sich zum Essen – dieses ist immer recht üppig – und reden, sie besuchen einander und reden. Aber das, was sie reden und vor allem, wie sie reden, das macht die Welt dieses Romans aus.

Es ist die Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts, da ist von Pflichterfüllung und Demut die Rede, von der Politik, den Konservativen und den Sozialdemokraten, aber vor allem davon, wie Menschen zueinander sind, sein sollten, sein könnten. In vielen dieser Gespräche entsteht ein Universum von Zwischenmenschlichkeit, man spürt die Intensität der Beziehungen, positiv und negativ. Bevor aber ein Zuviel an Gefühl entstehen könnte, setzt Fontane sanft Ironie ein. Der Fontane-Biograf Hanjo Kesting bezeugt dem Roman: „In allem Ernst und aller Konfliktgeladenheit eine lichtvolle Leichtigkeit“.

Musik:

Geza Anda/Klavier: „Walzer für Klavier in f-moll op. 70 Nr. 2“ von Frederic Chopin
Label: RCA VD 87744