Tucholskys Sprache

Zum 130. Geburtstag von Kurt Tucholsky: „Unsere Sprachen werden immer mehr abgeschliffen, der Genitiv verschwindet, die Auswahl an Tempora wird immer kleiner, der Konjunktiv fängt leider an, leicht komisch zu werden…“

Gedanken für den Tag 7.1.2020 zum Nachhören (bis 6.1.2021):

Die eben gehörte Klage ist neun Jahrzehnte alt. Ihr Autor ist Kurt Tucholsky, der vor 130 Jahren geboren wurde. Er war ein hochsensibler Mensch, und diese Sensibilität zeigt sich in seiner Sprache. Er war ein Sprachgenie.

Die fünfte Jahreszeit

„Mir fehlt ein Wort“, schrieb Tucholsky im September 1929 in der „Weltbühne“. „Ich werde ins Grab sinken, ohne zu wissen, was die Birkenblätter tun. Ich weiß es, aber ich kann es nicht sagen. Der Wind weht durch die jungen Birken; ihre Blätter zittern so schnell, hin und her, dass sie – was? Flirren? Nein, auf ihnen flirrt das Licht; man kann vielleicht allenfalls sagen die Blätter flimmern. Aber es ist nicht das.“

Franz Josef Weißenböck
ist katholischer Theologe und Autor

Hier klingt Tucholskys Grundstimmung an: „Ich werde dahingehen und es nicht gesagt haben“. Dieser Mann war viel mehr als ein Autor leichten Lesefutters wie „Schloss Gripsholm“ und „Rheinsberg“. Er war ein prophetischer Kritiker seiner Zeit. „Ich habe das Lachen des Clowns“, sagte er einmal über sich selbst, „innen aber weint es“. Tucholskys Freitod ist wie eine Signatur dieser unauslöschlichen Traurigkeit.

Im Herbst 1929 sinniert Tucholsky über die „fünfte Jahreszeit“, weil ihm Frühling, Sommer, Herbst und Winter nicht genügen. Und das geht so: „Wenn der Sommer vorbei ist und die Ernte in die Scheuern gebracht ist, wenn sich die Natur niederlegt, wie ein ganz altes Pferd, das sich im Stall hinlegt, so müde ist es – wenn der späte Nachsommer im Verklingen ist und der frühe Herbst noch nicht angefangen hat –: dann ist die fünfte Jahreszeit. Nun ruht es. Die Natur hält den Atem an; an andern Tagen atmet sie unmerklich aus leise wogender Brust. Nun ist alles vorüber: geboren ist, gereift ist, gewachsen ist, gelaicht ist, geerntet ist – nun ist es vorüber“.

Danke, Kurt Tucholsky, für die fünfte Jahreszeit!

Musik:

„Charleston Stomp“ von Chris Norton und Frank Mizen
Label: Cavendish CAVCD 209