Neues Jahr - alte Wünsche

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ - die Worte Hermann Hesses gelten für das neue Jahr und natürlich auch für die neue Regierung. Dieser Tage konstituiert sich ein neues Kabinett, dessen Mitglieder die Geschicke des Landes für die nächsten Jahre lenken werden.

Zwischenruf 5.1.2020 zum Nachhören (bis 4.1.2021):

Die meisten Menschen haben an beide, an das neue Jahr und an die neue Regierung, unterschiedliche Wünsche und Hoffnungen. Was das neue Jahr angeht, denke ich, täte unserer Gesellschaft etwas mehr Rücksichtnahme gut. Die viel zitierte und allgemein beobachtete Verrohung der Gesellschaft zeigt sich zunehmend im Internet, den so genannten sozialen Medien. Kaum eine Woche, in der nicht Übergriffe, Beschimpfungen und Bedrohungen beklagt werden. Zu Recht, wie ich meine.

Marco Uschmann
ist evangelischer Theologe und Chefredakteur der Zeitschrift „Die Saat“

Die Würde des Menschen

Es scheint mir tatsächlich so, dass viele nach wie vor den Umgang mit dem Internet erst lernen müssen. Es sieht so aus, als seien die Regeln des Miteinanders im virtuellen Raum ausgesetzt. Da werden Frauen aufs Übelste beschimpft, müssen durch mehrere juristische Instanzen gehen, um endlich ihr gutes Recht zu bekommen. Dazu kommt die enorme psychische Belastung bei denen, die sich einem so genannten Shitstorm ausgesetzt sehen, dessen Facebook-Account oder E-Mail-Konto übergehen von Beschimpfungen und Drohungen der schlimmsten Art. Auch vor Gewaltandrohungen, die bis zu Morddrohungen reichen, schrecken die Pöbler nicht zurück. Zugleich rufen immer mehr Menschen nach Schutz vor diesen widerlichen Angriffen. Zu Recht. Diese Wünsche für das kommende Jahr wird jeder und jede verstehen. Es geht um die Würde des Menschen, die gewahrt werden muss. Sei es im Internet, sei es dort, wo Menschen einander physisch begegnen. Längst schon überlagern beide Welten einander, wird aus virtuellen Drohungen physische Gewalt.

Die Würde des Menschen ins Zentrum zu stellen erscheint mir ein guter und zunehmend wichtiger Wunsch fürs neue Jahr. Viele Religionen stellen die Würde des Menschen in den Mittelpunkt. Im Christentum findet sich der zentrale Satz dazu in der Bibel: Jesus Christus, als Sohn Gottes Mensch geworden, sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Bei diesem so genannten Doppelgebot der Liebe geht es um nichts anderes als die Würde des Menschen, die unbedingt zu beachten ist.

Zwischenruf
Sonntag, 5.1.2020, 6.55 Uhr, Ö1

Für ein gutes Miteinander

Ich finde, das ist auch ein guter Ansatz für die Wünsche an die neue Regierung, die mit dem neuen Jahr ihre Arbeit aufnehmen wird. Selbstverständlich hat eine Regierung immer auch das große Ganze, das Wohl des Staates im Blick zu behalten. Und dennoch könnte es auch hier ein zentraler Wunsch an die Regierung sein, die Würde des Menschen, das Doppelgebot der Liebe, im Blick zu behalten. Sei es beispielsweise bei der Sozialgesetzgebung, sei es bei der Frage, wie Migranten und Migrantinnen hier im Land empfangen werden. Das hat nichts mit Sozialromantik oder weltfremden frommen Wünschen zu tun.

Die Würde des Menschen zu achten und zu beachten ist auch zentrale Forderung der Menschenrechte, die in Artikel 1 mit dem Satz beginnen: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“. So vereinen sich hier die Wünsche an das neue Jahr und die Wünsche an die neue Regierung: Die Würde der Menschen immer wieder in den Blick zu nehmen und die Handlungen daraufhin zu betrachten und gegebenenfalls zu korrigieren. Das gilt übrigens nicht nur für Ministerinnen und Minister. Denn für das gelingende und gute Miteinander sind wir alle als Gesellschaft verantwortlich und jeder kann seinen Teil dazu beitragen. Das klingt doch nach einem guten Vorsatz für das gerade begonnene Jahr.