Götterfunken und Schicksalsklang

Ludwig van Beethovens „Missa solemnis“ zählt zu den berühmtesten Messen der abendländischen Kunstmusik. Der Komponist hat in diesem Werk die Vorstellung der Allmacht Gottes und der daraus folgenden Ohnmacht des Menschen in überwältigende Klänge gegossen.

Gedanken für den Tag 27.1.2020 zum Nachhören (bis 26.1.2021):

Derselbe Beethoven schuf mit der „Ode an die Freude“, dem weltbekannten Chor aus der Neunten Sinfonie, ein mitreißendes Loblied auf das irdische Glück. Auch wenn darin Gott etliche Male erwähnt wird: in Zeilen wie „Alle Menschen werden Brüder“ schwingen unüberhörbar die Ideale der Französischen Revolution mit.

Das Selbst ist kein harmonisches Ganzes

Wie lassen sich zwei so unterschiedliche Weltanschauungen unter einen Hut bringen? Wie kann ein und derselbe Komponist mit der wunderbarsten Musik sowohl die göttliche Allmacht preisen als auch auf die Souveränität des Menschen pochen? Glaubt man dem Philosophen Robert Pfaller, so leben wir heute in einer narzisstischen Bekenntniskultur, in der man sich mit einer Sache zu hundert Prozent identifizieren muss. Das eigene Selbst – oder was man dafür hält – wird zum Maß aller Dinge. Alles, womit man nicht zur Gänze übereinstimmt, muss folglich abgelehnt werden.

Michael Krassnitzer
ist Journalist

Diesen Narzissmus halte ich für einen Irrglauben: Das Selbst ist eben kein harmonisches Ganzes. In uns allen stecken Widersprüche, die – rein rational betrachtet – schwer vereinbar scheinen. So kommt es eben, dass Beethoven mit seiner „Missa solemnis“ tiefste religiöse Gefühle hervorzurufen beabsichtigte, und sich zur gleichen Zeit in einem Brief über „Pfaffenthum und Pfaffenthun“ lustig machte.

Wenn einem die inhärente Widersprüchlichkeit des eigenen Selbst klar ist, entwickelt man auch eine größere Gelassenheit in Hinblick auf andere Menschen und deren verlautbarte Meinungen. Und man verabschiedet sich von Partout-Standpunkten und Prinzipienreiterei. Das kann dem gesellschaftlichen Diskurs nur gut tun.

Musik:

Rundfunkchor Berlin und Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Sir Georg Solti: „Credo in unum Deum“ aus: MISSA SOLEMNIS op. 123 für Soli, Chor und Orchester von Ludwig van Beethoven
Label: Decca 4443372