Freie Entfaltung des Einzelnen

Freiheit war für Ludwig van Beethoven eines der höchsten Güter. Geprägt durch die Ideale der Französischen Revolution, nahm die freie Entfaltung des Einzelnen in Beethovens Welt- und Menschenbild eine zentrale Rolle ein.

Gedanken für den Tag 28.1.2020 zum Nachhören (bis 27.1.2021):

Seine einzige Oper „Fidelio“ ist eine leidenschaftliche Hymne auf die Freiheit und eine klare Absage an Tyrannei und Unterdrückung. Auch in dem Ballett „Die Geschöpfe des Prometheus“ stellte er einen Rebellen in den Mittelpunkt, der sich über unmenschliche Gesetze hinwegsetzte. Wenn heute von Freiheit die Rede ist, ist allerdings oft etwas ganz anderes gemeint als jene freie Entfaltung des Individuums und jene Befreiung von Dogmen, die Humanisten wie Beethoven im Sinn hatten.

Michael Krassnitzer
ist Journalist

„Wahrheit nie verleugnen“

Was Rechtspopulisten meinen, wenn sie den Begriff Freiheit in den Mund nehmen, ist mir ein Rätsel. Autoritäres Gehabe und das Ideal der individuellen Freiheit sind für mich unvereinbar. Für die Neoliberalen bedeutet Freiheit in erster Linie Freiheit des Kapitals. Sie schreiben sich ein schönes Wort auf die Fahnen, aber meinen vor allem die Freiheit, sich auf Kosten aller anderen zu bereichern. Die regressive Linke hingegen gesteht Freiheit nur gewissen ausgewählten Minderheiten zu. Für alle anderen gelten strikte Denk- und Sprechverbote – das Gegenteil von Freiheit.

Egal ob es sich um Euphemismen, die Machtverhältnisse verschleiern, oder um politische Korrektheit handelt – mit solchen Formen von Neusprech hätte Beethoven nichts am Hut gehabt. In einem bekannten Zitat, in dem sich der Komponist dazu bekennt, die Freiheit über alles zu lieben, folgt unmittelbar darauf das Credo: „Wahrheit nie verleugnen“. Dazu passt der treffende Gedanke von George Orwell: „Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen.“

Musik:

Philadelphia Orchestra unter der Leitung von Riccardo Muti: Ouvertüre zu „Fidelio“ op. 72b von Ludwig van Beethoven
Label: EMI 7494872