Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen

Zum 125. Geburtstag von Max Horkheimer: Ich habe die glänzendste Stellung mit einer noch glänzenderen Zukunft im Geschäft meine Vaters, kann mir jedes Vergnügen erlauben, das mich reizt, kann mich in die geschäftliche Arbeit vertiefen, kann mich zerstreuen oder meinen Liebhaberein nachhängen – und doch verzehrt mich die Flamme der brennendsten Sehnsucht …

Gedanken für den Tag 10.2.2020 zum Nachhören (bis 9.2.2021):

... ich kann meine Sehnsucht nicht meistern, und ich will mich von ihr führen lassen mein Leben lang, wohin die tolle Fahrt auch gehe.

Max Horkheimer war 20 Jahre alt, als er das in sein Tagebuch schrieb; er war Betriebsleiter und Prokurist der väterlichen Textilfabrik in Zuffenhausen – heute ein Vorort von Stuttgart. Etwas später notierte er:

Cornelius Hell
ist Literaturkritiker und Übersetzer

Nach meinem Wahrheitsdrang will ich leben und erforschen, was ich wissen möchte, dem Gequälten helfen, meinen Hass des Unrechts befriedigen und die Pharisäer besiegen, vor allem aber Liebe suchen. Liebe, Verständnis suchen, nach denen jede Fiber meines Wesens lechzt.

Aufkommender Nationalsozialismus

Die Liebe sollte Max Horkheimer sehr bald finden – an seinem 21. Geburtstag verliebt er sich in Rose Riekher, die um acht Jahre ältere Privatsekretärin seines Vaters. Und dem Vater ringt er auch ab, dass er den Betrieb verlassen und Philosophie studieren kann. Er folgt seiner Sehnsucht und seinem Hass auf das Unrecht – Quelle für beides sind sein Judentum und die Schriften jenes Philosophen, den er mit 18 zum ersten Mal gelesen hat: Arthur Schopenhauer, der wie Horkheimer Nachfolger seines Vaters als Textilkaufmann werden sollte, sich jedoch für die Philosophie entschied.

Ab 1919 studiert Max Horkheimer Philosophie, 1922 promoviert er in Frankfurt, 1925 habilitiert er sich über Kant, und bereits 1930 wird er zum Professor für Sozialphilosophie in Frankfurt berufen. Horkheimer geht es nicht um die schnelle Karriere, sondern um das Institut für Sozialforschung, dessen Direktor er nur als Professor werden kann. Sehr bald gründet er Zweigstellen im Ausland, denn er spürt, dass nicht mehr viel Zeit ist – er sieht die Bedrohung durch den aufkommenden Nationalsozialismus klar. Er selbst und wichtige jüdische Mitarbeiter des Instituts wie Theodor W. Adorno, Erich Fromm oder Herbert Marcuse sind in Gefahr; und die Sehnsucht nach Wahrheit und Gerechtigkeit auch.

Buchhinweise:

  • Alfred Schmidt, Gunzelin Schmid Noerr (Hg.), „Gesammelte Schriften“, Verlag Fischer
  • Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, „Dialektik der Aufklärung“, Verlag Fischer
  • Max Horkheimer, „Traditionelle und kritische Theorie“, Verlag Fischer
  • Max Horkheimer, „Zur Kritik der instrumentellen Vernunft“, Verlag Fischer
  • „Max Horkheimer mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten“, dargestellt von Helmut Gumnior und Rudolf Ringguth, Verlag Rowohlt
  • Rolf Wiggerhaus, „Max Horkheimer. Begründer der ‚Frankfurter Schule‘“, Societäts-Verlag

Musik:

Laurie Anderson und Kronos Quartet: „Another long evening“ von Laurie Anderson
Label: Warner/Nonesuch Rec. 7559793389