Zweifel

Zum 125. Geburtstag von Max Horkheimer: Die Verdrängung des Zweifels am eigenen religiösen, nationalistischen oder sonstigen Bekenntnis hat, wie die Geschichte des Christentums, des Kommunismus, vieler alten und neuen historischen Bewegungen beweist, seit je den Fanatismus hervorgebracht.

Gedanken für den Tag 12.2.2020 zum Nachhören (bis 11.2.2021):

Das stellt Max Horkheimer in seinem Rundfunkvortrag „Über den Zweifel“ 1969 fest. Er erinnert an das Jesus-Wort im Markusevangelium „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen“, an den Zweifel Jesu am Kreuz, und sagt: „Wie viele, die nicht beim eigenen Sterben, sondern bei ihren schlimmsten Taten auf seine oder andere Lehren sich beriefen, wähnten, ihrer Sache völlig gewiss zu sein. Bewusster Zweifel hätte sie zu Menschen machen können.“

Der Verzweifelte ist der Religion nahe

Dennoch ist die Gottes-Idee für Horkheimer von großer Wichtigkeit – vor allem als Korrektiv zur Vergötzung des Menschen. 1961 schreibt er im Schopenhauer-Jahrbuch: „Jedes endliche Wesen – und die Menschheit ist endlich –, das als Letztes, Höchstes, Einziges sich aufspreizt, wird zum Götzen, der Appetit nach blutigen Opfern hat.“

Cornelius Hell
ist Literaturkritiker und Übersetzer

Horkheimer sieht es als Aufgabe der Philosophie, „die Idole zu entmachten, die an der Stelle der Religion sich zum absoluten Sinn erheben wollen“, und nennt dabei konkret den Lebensstandard, die Nationalismen und den Dialektischen Materialismus – die herrschende Doktrin der damaligen kommunistischen Staaten.

Max Horkheimer stand in engem Austausch mit dem protestantischen Theologen Paul Tillich, dem er 1930 seine Berufung als Professor an die Universität Frankfurt zu verdanken hatte. In einem Gespräch über Tillich sagte Horkheimer:

Er war sich bewusst, dass das einfache, unproblematische Jasagen in unserer von Wissenschaft und Apparaturen durchherrschten Gesellschaft zu bequem ist und dass nur derjenige ernsthaft Ja zur Religion sagt, der fortwährend seinen Zweifel überwinden muss, im Zweifel befangen ist, ja verzweifelt ist. Der Verzweifelte ist ihr, der Religion, näher als derjenige, der sie einfach gleichsam als eine Routine akzeptiert.

Buchhinweise:

  • Alfred Schmidt, Gunzelin Schmid Noerr (Hg.), „Gesammelte Schriften“, Verlag Fischer
  • Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, „Dialektik der Aufklärung“, Verlag Fischer
  • Max Horkheimer, „Traditionelle und kritische Theorie“, Verlag Fischer
  • Max Horkheimer, „Zur Kritik der instrumentellen Vernunft“, Verlag Fischer
  • „Max Horkheimer mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten“, dargestellt von Helmut Gumnior und Rudolf Ringguth, Verlag Rowohlt
  • Rolf Wiggerhaus, „Max Horkheimer. Begründer der ‚Frankfurter Schule‘“, Societäts-Verlag

Musik:

„The dream before“ von Laurie Anderson
Label: WB 9259002