Religion

Gott als positives Dogma wirkt als trennendes Moment. Die Sehnsucht hingegen, dass die Wirklichkeit der Welt mit all ihrem Grauen kein Letztes sei, vereint und verbindet alle Menschen, die sich mit dem Unrecht dieser Welt nicht abfinden wollen und können. Gott wird so zum Gegenstand der menschlichen Sehnsucht und Ehrung; er hört auf, Objekt des Wissens und Besitzes zu sein.

Gedanken für den Tag 13.2.2020 zum Nachhören (bis 12.2.2021):

Das sagte Max Horkheimer beim 5. Salzburger Humanismusgespräch über „Die Zukunft der Religion“, das der ORF am 25. September 1970 veranstaltete. Für Horkheimer war die Religion zunehmend wichtig, denn er kam zu folgender Überzeugung: „ohne Voraussetzung der Gültigkeit des göttlichen Gebots sind Nächstenliebe, Ehrlichkeit, Verantwortungsbewusstsein logisch nicht besser begründet als Hass, die Hilfe für Leidende nicht besser als Unterdrückung.“

Wohin unsere Gedanken zielen

Theologie wurde für Horkheimer zum Ausdruck der Hoffnung „dass es bei diesem Unrecht, durch das die Welt gekennzeichnet ist, nicht bleibe, dass das Unrecht nicht das letzte Wort sein möge“ oder, wie er ebenfalls in seinem letzten Interview sagte: Ausdruck einer Sehnsucht danach, dass der Mörder nicht über das unschuldige Opfer triumphieren möge“.

Cornelius Hell
ist Literaturkritiker und Übersetzer

Für Max Horkheimer war die Sehnsucht nach vollendeter Gerechtigkeit genauso wichtig wie das Wissen, dass sie in der Geschichte niemals verwirklicht werden kann. Und selbst wenn sie verwirklicht werden könnte, würde sie das Leid jener Menschen nicht ungeschehen machen, die davor gestorben sind. Darum spricht Max Horkheimer in seinem letzten Interview von der „Sehnsucht nach dem ganz Anderen“. Hinter dieser vorsichtigen Formulierung stehen das biblische Gebot, sich von Gott kein Bildnis zu machen, und die Tradition einer negativen Theologie, die nur sagen kann, was Gott nicht ist – aber nicht, was er ist.

Für Horkheimer lässt sich dieses „Andere“ nicht dadurch begreifen, dass man darüber spricht oder schreibt, sondern – wie er formuliert – „ indem man die Welt, so wie sie ist, im Hinblick darauf, dass sie nicht das einzige ist, darstellt, nicht das einzige, wohin unsere Gedanken zielen.“

Buchhinweise:

  • Alfred Schmidt, Gunzelin Schmid Noerr (Hg.), „Gesammelte Schriften“, Verlag Fischer
  • Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, „Dialektik der Aufklärung“, Verlag Fischer
  • Max Horkheimer, „Traditionelle und kritische Theorie“, Verlag Fischer
  • Max Horkheimer, „Zur Kritik der instrumentellen Vernunft“, Verlag Fischer
  • „Max Horkheimer mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten“, dargestellt von Helmut Gumnior und Rudolf Ringguth, Verlag Rowohlt
  • Rolf Wiggerhaus, „Max Horkheimer. Begründer der ‚Frankfurter Schule‘“, Societäts-Verlag

Musik:

Laurie Anderson und Kronos Quartet: „Gongs and bells sing“ von Laurie Anderson
Label: Warner/Nonesuch Rec. 7559793389