Vom Fasten

Ich habe lange Zeit ein wenig abfällig auf den katholischen Brauch des Fastens geschaut. Was sollte dieser verordnete Verzicht, die geplante Enthaltsamkeit nach der vorangegangenen verordneten und geplanten Ausgelassenheit? Wo war das selbstbestimmte Leben? Mein Credo war die trotzige Eigenverantwortlichkeit gegen die traditionellen Vorgaben, das Spontane gegen die alten Riten.

Gedanken für den Tag 20.2.2020 zum Nachhören (bis 19.2.2021):

Ein wenig verächtlich schaute ich auf scheinbar skurrile Einschränkungen: kein Fleisch am Freitag, kein Alkohol während der Wochen vor Ostern, was sollte uns solches Verhalten dem Leiden Jesu näherbringen?

Luise Müller
ist evangelische Theologin

Das Verbindende

Wenn ich heute drüber nachdenke, was mich so evangelisch hochnäsig gemacht hat, dann war es wahrscheinlich nicht nur die unliebsame weil verordnete Einschränkung, sondern die oft unglaubhafte Rolle des Büßers. Die gleichen Leute, deren Gewissen im Fasching scheinbar gerade noch auf Urlaub gewesen war, zogen diese Rolle über wie ein neues Kleid. Weg mit dem Kostüm des Faschingsnarren - hinein in das härene Hemd des Asketen. Einfach nur eine neue Maske? Wir sind zurück am Boden der nackten Tatsachen, die Probleme, die die pubertierenden Kinder machen, sind nach wie vor ungelöst, die Missstimmung im Büro ist nicht einfach über Nacht verschwunden.

Was also tun? Fasten oder die Passion Jesu bedenken: Heute sehe ich das Verbindende. Indem ich den äußeren Überfluss beschränke, bewusst auf manches verzichte und anderes loslasse, fällt es mir leichter, die Ruhe und Konzentration zu erreichen, die mich hineinführt ins Herz des Christentums gleich welcher Konfession. Und solcherart zu mir und zu Gott gekommen kann es schon sein, dass sich Werte verschieben, feste Ansichten aufweichen, neue Perspektiven auftun.

Musik:

Matthias Soucek/Klavier: Rigoletto - Konzertparaphrase Fantasie für Klavier über das Quartett aus „Rigoletto“ von Giuseppe Verdi, 3. Akt von Franz Liszt
Label: ORF Casinos Austria Classic LID 1995/5