Wer bin ich

Eines der zweifelhaftesten Komplimente, die ich je bekommen habe, war der Satz: „Das schätze ich an Ihnen, dass Sie so gar nichts aus sich machen.“

Gedanken für den Tag 22.2.2020 zum Nachhören (bis 21.2.2021):

Ich war damals eine junge berufstätige Mutter, hatte immer zu wenig Zeit und zu wenig Kraft für alles, war aber grundsätzlich genau die, die ich sein wollte. Was sollte das heißen: Ich mache nichts aus mir? Für mich klang dieses Kompliment nach Unscheinbarkeit, nach Vernachlässigung, nach übersehen werden. Wenn dieser Satz stimmte, dann war ich mir selbst sehr fremd.

Wer ich auch bin...

Wer bin ich – das ist eine Frage, die einen umtreiben kann. Pubertierende, die sich und die Welt nicht mehr verstehen, Liebende, für die der Himmel, der gestern noch leer und grau war, voller Geigen hängt, ein Vater, der sein Kind anbrüllt, der, dessen Freundin gerade mit ihm Schluss gemacht hat. Wer bin ich? Manchmal bin ich mir selbst fremd.

Luise Müller
ist evangelische Theologin

Dietrich Bonhoeffer, der evangelische Pfarrer und Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus schrieb während seiner zweijährigen Gefangenschaft neben vielem anderen auch das Gedicht: Wer bin ich.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.

In den nächsten Gedichtzeilen fragt sich Bonhoeffer, ob er das ist, was andere von ihm sagen, oder das, was er selbst weiß. Denn das, was er selbst von sich erfährt, ist so ziemlich genau das Gegenteil dessen, wie ihn andere wahrnehmen. Er schließt seine Überlegungen schließlich mit der Erkenntnis: Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

Bei allem Vorläufigen, das unsere Existenz ausmacht, allen Bildern, die wir von uns und von anderen in uns tragen, gibt es für den, dem die Gnade des Glaubens geschenkt ist, diese tröstliche Geborgenheit: Du kennst mich, dein bin ich, o Gott.

Buchhinweis:

Dietrich Bonhoeffer, „Widerstand und Ergebung“, Chr. Kaiser Verlag

Musik:

Yvette Gyöngyössy/Klavier: „Valse triste“ - Paraphrase für Klavier nach Ferenc von Vecsey von Georges Cziffra
Label: Henle Aufzeichnung aus Radiokulturhaus Großer Sendesaal
V: ISA/ORF