Hölderlin und die Natur

„Und das himmlische Licht rann lauter vom offenen Himmel, durch alle Zweige lächelte die heilige Sonne, die gütige, die ich niemals nenne, ohne Freud und Dank, die oft in tiefem Leide mit einem Blick mich geheilt, und von dem Unmut und den Sorgen meine Seele gereinigt.“

Gedanken für den Tag 17.3.2020 zum Nachhören (bis 16.3.2021):

Diese Zeilen aus Hölderlins Briefroman „Hyperion“ beschreiben sein Verhältnis zur Natur. Er war ein völlig ungebrochenes, von Umweltschäden unbelastetes. Prägend dafür waren seine Reisen, die er zum Großteil zu Fuß unternahm. Tagesmärsche von 30 bis 50 Kilometer waren keine Seltenheit. Sich die Welt zu erwandern erlaubt, wie Hölderlin einmal notierte, „mancherlei Gedanken“, die ihm „die offene Straße und die offene Welt eingaben“.

Harald Klauhs
ist Literaturredakteur der Tageszeitung „Die Presse“

Der Wanderer

Anders als für den Stubenhocker in Königsberg war für Hölderlin das Einssein mit sich und der Welt durchaus ein Ideal. Kants Vernunftphilosophie hat den Menschen in seine Einzelteile zerlegt. Hölderlin jedoch leidet am Herausgefallensein aus dem Gesamtzusammenhang der Natur. Er sehnt sich nach einer alles umfassenden Harmonie – und findet sie im Betrachten der Schönheit der Welt. „Und das strebende Herz besänftigen mir die vertrauten / Friedlichen Bäume, die einst mich in den Armen gewiegt, / Und das heilige Grün, der Zeuge des ewigen schönen / Lebens der Welt, es erfrischt, wandelt zum Jüngling mich um“, heißt es in der Elegie „Der Wanderer“.

Diesen darf man sich nicht als ein ätherisches Wesen vorstellen, wie uns ein berühmtes Porträt vorgaukeln möchte. Der junge Mann war circa 180cm groß, von kräftiger Statur und ausgesprochen gesund. Sein inniges Verhältnis zur Natur ist in zahlreiche seiner Gedichte eingeflossen. Früh werden diverse Landschaften besungen, etwa Inseln wie Patmos, Hügelzüge wie die Teck in der Schwäbischen Alb, Flüsse wie der Rhein, der Neckar oder die Ister genannte Donau, Städte wie Stuttgart oder Heidelberg oder Bordeaux. Griechenland imaginiert er sich aus Reiseberichten. All diese Orte werden als ein Du angesprochen, also personifiziert und damit beseelt. Damit tut man sich auch schwerer, der Natur Gewalt anzutun.

Musik:

Rudolf Buchbinder/Klavier: „Andante - 2. Satz“ us: Sonate für Klavier Nr. 5 in G-Dur Hob. XVI/11 von Joseph Haydn
Label: Teldec 8357931