Hölderlin und die Politik

Zum 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin: „Beim Himmel! Der weiß nicht, was er sündigt, der den Staat zur Sittenschule machen will. Immerhin hat das den Staat zur Hölle gemacht, dass ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte.“

Gedanken für den Tag 18.3.2020 zum Nachhören (bis 17.3.2021):

So liest man’s im Roman „Hyperion“. Das kann man auch als Enttäuschung über das Ergebnis der Französischen Revolution lesen. Die war im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts das zentrale politische Ereignis.

Auch die Stubenkollegen im Tübinger Stift, Hegel, Schelling und Hölderlin träumten den republikanischen Traum. Beim hitzigen Temperament Hölderlins, konnte es schon einmal zum Überschwang kommen. „Fürʼs Vaterland, zu bluten des Herzens Blut / Fürʼs Vaterland – und bald istʼs geschehʼn! Zu euch / Ihr Teuern! kommʼ ich, die mich leben / Lehrten und sterben, zu euch hinunter!“ Mit dem Einmarsch französischer Truppen in Süddeutschland war die Hoffnung auf ein Ende der Fürstenherrschaft und der Kleinstaaterei in Deutschland verbunden.

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit

Und was haben die Nazis daraus gemacht? Sie haben Hölderlins republikanische Verse zu einer Hymne auf den Heldentod für Deutschland umgedeutet! Sicher, die Schlusszeilen „Und zähle nicht die Toten! Dir ist, Liebes! nicht Einer zu viel gefallen!“ würde man heute selbst in rebellischem Enthusiasmus nicht mehr gelten lassen. Aber Hölderlin deshalb zum deutschnationalen Heimatdichter zu machen, das brachten nur die Nazis fertig.

Harald Klauhs
ist Literaturredakteur der Tageszeitung „Die Presse“

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es neuerlich den Versuch, Hölderlin dem Zeitgeist einzupassen. In einem Stück namens „Hölderlin“ ließ Peter Weiss den Dichter als strammen Jakobiner Schiller die Leviten lesen: „Es muss von Grund auf / alles umgeworfen werden. / Wir nehmen Theil / am letzten und grössten / Werck des Menschen“. Es folgt ein Auftritt von Karl Marx, der dem verwirrten Hölderlin gnädig nachsieht, dass er die proletarische Revolution noch nicht „als wissenschaftlich begründete Notwendigkeit“ angesehen hat. Danke dafür!

Hölderlin in ein Links-Rechts-Schema pressen zu wollen, ist demnach schwierig. Sein Herz schlug zweifellos für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, aber seine gutbeschuhten Füße ließen ihn nicht auf die Barrikaden steigen. „O hätte ich doch nie gehandelt! Um wie manche Hoffnung wär ich reicher!“ Mit diesen Worten ließ er seinen guillotinierten politischen Erwartungen freien Lauf.

Musik:

Wiener Kammerorchester unter der Leitung von Philippe Entremont: „Moderato - 1. Satz“ aus: Konzert für Klavier und Streichorchester in F-Dur Hob. XVIII/7 von Joseph Haydn
Label: Teldec 843480