Der Hirt und seine Schafe

„Die Religion hat die Leute brav zu machen, das ist ihre Aufgabe.“ So sprach vor gut acht Jahrzehnten der Statthalter des Nazi-Regimes in Österreich, Gauleiter Bürckel. Die Leute brav machen, die Autorität stützen – darin wurde und wird bis in unsere Tage von manchen Menschen die Aufgabe von Religion und Glaube gesehen.

Zwischenruf 15.3.2020 zum Nachhören (bis 14.3.2021):

Dazu passt, dass von Gläubigen an der Basis und kirchlich Verantwortlichen aufrührerische, autoritätskritische Texte der Bibel verharmlost und verkitscht wurden. Zum Beispiel dieser hier: „Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir mangeln…“ Noch kennen viele Menschen in unseren Breiten diesen Text, haben zumindest eine vage Erinnerung daran. Der Hirt und seine Schafe – ein romantisches Bild. „Der Herr ist mein Hirt“ – so beginnt der 23. Psalm, ein Text, der rund zweieinhalbtausend Jahre alt ist. Mit Schäfer-Romantik hat der Text allerdings nichts zu tun. Ich lese diesen Psalm als politischen Text, ja noch mehr: als politische Kampfansage. Es geht um Macht, es geht um Autorität – und um deren Kritik.

Franz Josef Weißenböck
ist katholischer Theologe und Autor

„Mein Hirt ist der Herr“

Nicht nur im mittleren Osten haben sich die Herrscher in alter Zeit von denen bewusst unterschieden und abgehoben, die sie als ihre Untertanen betrachtet haben. Sie sahen sich als Hirten ihres Volkes. Ein fernes Echo davon ist die Selbstbezeichnung von Bischöfen als Hirten und Oberhirten. Die Schafe waren und sind bis heute die anderen, das Volk, die Untertanen, die Laien. Alles, was von denen gefordert und erwartet wurde, waren Gehorsam, Gefolgschaft, Unterwerfung.

Man muss den Text des Psalms nur ein wenig umstellen, um ihm seine aufrührerische Kraft zurückzugeben: Mein Hirt ist der Herr – nicht der König, Kaiser, Führer, der sich als Hirt seines Volkes ausgibt. Nicht einmal ein so genannter Ober-Hirte. Mein Hirt ist der Herr, ihm allein gilt meine Treue, mein Gehorsam, meine Gefolgschaft! Menschen, die diesem Weg gefolgt sind, haben oft gefährlich gelebt. Sie sind ihrem Gewissen gefolgt – ihrer inneren Stimme, die nichts anderes ist als „Gott in uns“.

Zwischenruf
Sonntag, 15.3.2020, 6.55 Uhr, Ö1

Menschen wie Marcel Callo

Einer, der dieser Stimme sein Leben lang und bis in den Tod gefolgt ist, war Marcel Callo. Am 19. März vor 75 Jahren ist er im KZ Mauthausen gestorben. Er war ein Opfer der Nazi-Methode „Vernichtung durch Arbeit“. Aus Frankreich zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt, gründete er dort eine katholische Aktionsgruppe. Wegen dieses Engagements wurde er verhaftet und schließlich umgebracht. Ja, das ist die Bestätigung: Sein Hirt war der Herr. Im Jahr 1987 wurde Marcel Callo seliggesprochen.

Die Welt braucht Menschen wie Marcel Callo. Menschen wie Franz Jägerstätter, Dietrich Bonhoeffer und Schwester Restituta Kafka und die vielen Ungenannten, die ihrem Gewissen folgen und die bereit sind, die Folgen dafür zu tragen. Sie wissen: Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Es braucht Menschen, die jede angemaßte Autorität zurückweisen, weil sie sagen: Mein Hirt ist der Herr!