Erinnerungen an Aserbeidschan

Seit 2011 war ich nicht mehr in Baku; meine Erinnerungen speisen sich aus handschriftlichen Aufzeichnungen, einem elektronischen Praktikumsbericht, einem Ordner mit Fotos und kleinen Abschiedsgeschenken: handgemachten Armbändern, einer Kaffeetasse, einem blauen Glasauge, das laut Aberglauben vor dem bösen Blick schützen soll.

Gedanken für den Tag 24.3.2020 zum Nachhören (bis 23.3.2021):

Mit meinem zerfledderten Wiener Studentenausweis und den Worten „men müellimeyem“ – ich bin Lehrerin – passiere ich die Ausweiskontrolle, der sich alle zu unterziehen haben, die das Gelände der Sprachenuniversität betreten wollen. Die Zeit ist von der Pausenglocke getaktet, wer zwei Minuten nach Unterrichtsbeginn mit einem Stapel Kopien unterm Arm Richtung Klassenzimmer läuft, wird verächtlich beäugt. Von den Wänden bröckelt der Verputz, ich schreibe mit Kreide auf eine schwarze Tafel. Die Sprachenuniversität gilt nicht als elitär und erhält auch nicht die Mittel, um sich so zu präsentieren.

Verena Mermer
ist Schriftstellerin

Kameras in den Klassenzimmern

Die Präsidentenakademie hingegen ist eine Kaderschmiede des Staates, die Wände sind weiß und die Gänge mit roten Teppichen ausgelegt, geschrieben wird auf Whiteboards – dafür erntet ein Student einen vernichtenden Blick, weil er einen politischen Witz gewagt hat; wer an einer oppositionellen Versammlung teilnimmt, wird exmatrikuliert.

Ich scrolle durch die ungeschönte Fassung meines Praktikumsberichts: „Wie schon eingangs erwähnt, sind die autoritären Strukturen das große Problem an der Akademie“, habe ich damals vermerkt. Im Zuge einer geplanten Gebäuderenovierung gab es den Plan, Kameras in allen Klassenzimmern zu installieren. Der Rektor wolle seine Lehrenden besser kennenlernen und solle sich durch die Klassenzimmer klicken können, so die Erklärung, und: Das passiere ohnehin nur selten, die Studierenden bekämen auch nie mit, wann jemand zusehe und wann nicht.

Buchhinweise:

  • Akram Aylisli, „Steinträume“, Osburg Verlag
  • Verena Mermer, „die stimme über den dächern“, Residenz Verlag
  • Kurban Said, „Ali und Nino“, List Taschenbuch Verlag

Musik:

Farhad Badalbeyli/Klavier und Royal Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Dmitry Yablonsky: „The Sea - für Klavier und Orchester“ von Farhad Badalbeyli
Label: Naxos 8572666