Auferstehung aus dem Üblichen

Hinter der Corona-Wand sitze ich in meinem Zuhause - zum Schutz aus Gründen der Infizierbarkeit. Durch diese Schutzmaßnahme werde ich, werden wir, darf ich sagen, vielleicht in eine Konfrontation zum eigenen Selbst und zum Leben, das wir leben, geführt.

Zwischenruf 12.4.2020 zum Nachhören (bis 11.4.2021):

Das passt gut zu der Dichterin Marlen Haushofer, der in diesem Jahr vielfach gedacht wird. Vor 100 Jahren wurde sie geboren, mit 50 Jahren starb sie an ihrer Krebserkrankung zu Frühlingsbeginn.

Ines Knoll
ist evangelische Theologin und Germanistin

Es ist so!

Ihr meist gelesener Roman „Die Wand“ handelt vom Virus, so zu sein, wie sie nun mal ist: die Corona Creationis, die Krone der Schöpfung. Ich finde, die Germanistin und Dichterin, die immer wieder neu zu entdecken sein wird, für jeden Menschen, der oder die an den Zuständen der Welt leidet, vermittelt ihren Leserinnen und Lesern Auferstehungserfahrungen. Nach dem Motto des berühmten Gedichtes ihrer Dichterkollegin Marie-Luise Kaschnitz: „Manchmal stehen wir auf, stehen wir zur Auferstehung auf.“

Dieses zur Auferstehung Aufstehen geschieht im Lesen, weil es eine Zeugin gibt für den erlittenen Schmerz der Welt. Weil sie nichts übertüncht oder schönfärbt. Weil sie sagt: Es ist so! „Der einzige Feind, den ich in meinem bisherigen Leben gekannt habe, war der Mensch gewesen“, schreibt sie. Weil sie festhält an den furchtbaren Zuständen, die mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ja nicht aufgehört hatten, die weiter waren und sind und Wesen in neuer Gestalt. So ganz im Verborgenen unterstützt sie den zweifelnden Thomas, der die Wundmale des Jesus sehen musste, um Vertrauen in das Leben fassen zu können.

Verzweifelter Versuch

Vertrauen fassen konnte Marlen Haushofer in der Natur, nur in der Natur, bei ihren Freundinnen und Freunden, den Tieren. Vom Menschen weiß sie genug: „Der Mensch kann niemals ein Tier werden, er stürzt am Tier vorbei in den Abgrund.“ Und das Dichten und Trachten und die Sprache der Menschen reicht nicht hin. „Ich schwieg“, heißt es in „Wir töten Stella“, „was hätte ich sagen sollen, ich wünschte nicht, die Wand zu durchbrechen, die mich von diesem Schmerz trennte.“ Sprachwände waren aufgestellt in einem nach außen perfekt gespielten Leben, das die Dichterin kaum mitspielen konnte.

Zwischenruf
Sonntag, 12.4.2020, 6.55 Uhr, Ö1

Ihr Ansinnen finde ich sehr bewegend. Sie ist nicht aufzuhalten in ihrem Wunsch, die Sprachwand im Schreiben aufzulösen. Glasklar sagt sie: „Ich selber bin im Lauf der Zeit zu der Erkenntnis gekommen, dass mir eine Wahrheit, die ich zu sehen glaube, wichtiger ist als jede Formfrage.“ Und sie kommt so mitten im Leben des Menschen an, der sich nicht abfinden kann und will mit den Zuständen, in die er oder sie getrieben werden mag, und darum eine jauchzende Freude hat, in dem Roman „Die Wand“ zu lesen:

„Vielleicht war die Wand auch nur der letzte verzweifelte Versuch eines gequälten Menschen, der ausbrechen musste, ausbrechen oder wahnsinnig werden. Die Wand hat unter anderem auch die Langeweile getötet. Die Wiesen, Bäume und Flüsse jenseits der Wand können sich nicht langweilen. Mit einem Ruck stand die rasende Trommel still.“

Hoffnung auf ein besseres Leben

Dieses Stillsehen – womit wir fast schon wieder bei Corona sind – kann die Lesenden und Lebenden in einen neuen Existenzmodus bringen, in Richtung Auferstehung aus dem Üblichen: Die Dichterin, sich langsam aus ihrer Vergangenheit lösend, beginnt, „in eine neue Ordnung hineinzuwachsen. Es wird vieles nie wieder geben, aber mitten im Verlust ahnt sie: „Etwas Neues kommt heran, und ich kann mich ihm nicht entziehen“.

Für das Jetzt des Lebens – bis zum Kommen dieses Neuen, völlig Unverfügbaren - hat Marlen Haushofer den schönsten Rat: „Es gibt keine vernünftigere Regung als die Liebe. Sie macht dem Liebenden und dem Geliebten das Leben erträglicher. Nur wir hätten rechtzeitig erkennen sollen, dass dies unsere einzige Möglichkeit war, unsere einzige Hoffnung auf ein besseres Leben“.

Ich finde, das wäre ein herrliches Ostern ins Diesseits gelebt. Frohe, gesegnete Ostern wünsche ich in diesem Sinne von ganzem Herzen!