Die Blume der Gerechtigkeit

Gerlinde war gerade da. Sie schlägt sich als Gebrauchsgrafikerin durch den Alltag. Ihr dreijähriger Sohn leidet seit seiner Geburt an schwerem Asthma. Seine Betreuung braucht viel Zeit. Das Einkommen ihrer Arbeit ist unregelmäßig und gering. Loch auf, Loch zu.

Zwischenruf 3.5.2020 zum Nachhören (bis 2.5.2021):

Jetzt in der Krise rechnet sie noch mehr: einmal die Miete, einmal das Heizen, einmal das Telefon. Kaputt werden darf nichts. Gerlinde leistet Außergewöhnliches, leisten kann sie sich nichts. Manchmal muss sie Hilfe aus der Mindestsicherung beantragen.

Martin Schenk
ist Sozialexperte und stellvertretender Direktor der Diakonie Österreich

Arbeit - Arbeitslosigkeit - Krise

Was soll ich tun, wenn mein Kind krank ist? Was soll ich jetzt mit offenen Rechnungen machen? Bei den Frühen Hilfen der Diakonie in Steyr sind die Tage für alleinerziehende Mütter jetzt lang. Manche haben niemanden, mit dem sie reden können. Für Ursula und ihre zwei Kinder ist die Situation jetzt schwieriger als schon im sogenannten „Normalzustand“. Bisher ging es sich mit Kinderbetreuungsgeld, Alimenten und Notstandshilfe gerade aus. Der Vater der beiden Kinder muss in Kurzarbeit gehen. Das reduziert den Unterhalt. Ursula hat Angst. Die Situation ist kritisch. „Weil das Geld so knapp ist, esse ich weniger. So kann ich ein bisschen sparen“, erzählt die besorgte Mama.

Heidi arbeitet als Pflegehelferin. Sie hört zu, wäscht, verbindet, bringt das Essen, nimmt Blumen mit, solche mit vielen Blütenblättern. Am Abend gibt’s dann zu Hause noch den eigenen Haushalt.

Heidi, Gerlinde und Ursula kenne ich von meiner Arbeit in der Diakonie. Sie alle sind beachtliche Leistungsträgerinnen. Die Krise zeigt uns, wer aller die wirklichen „Leistungsträger“ sind. Die Krise macht deutlich, was die Arbeit von Pflegerinnen, Pädagoginnen, Sozialarbeitern, Hilfsorganisationen, Reinigungskräften und Lebensmittelverkäufern bedeutet. Die Krise macht sichtbar, was ein starker Sozialstaat und ein gutes Gesundheitssystem für uns alle leistet. Die Krise deckt auf, dass wir hier sonst mit einem eingeengten und verkürzten Leistungs- und Gerechtigkeitsbegriff operieren.

Zwischenruf
Sonntag, 3.5.2020, 6.55 Uhr, Ö1

„Sozial schwach“

Leistungsgerechtigkeit ist wichtig und zentral für das Funktionieren einer prosperierenden Gesellschaft. Man darf sie aber nicht mit Markterfolg verwechseln. Um die Mutter mit Kindern, die sich mit drei prekären Minijobs abstrampelt dreht sich’s dann genauso wenig wie um den Hilfsarbeiter am Bau, den Mann im hundertsten mies bezahlten Forschungsprojekt oder die Kindergärtnerin. Die Verantwortung ist groß, das Einkommen klein.

Gerlinde, Ursula oder Heidi werden oft als „sozial schwach“ bezeichnet. Das ist eine Beleidigung. Sozial schwach sind diejenigen, die den Ärmeren eine andere Welt ermöglichen könnten, es aber nicht tun.

Gerechtigkeit ist eine Blume, deren Blüte viele Blätter hat. Leistungsgerechtigkeit ist eines dieser Blütenblätter. Die anderen fünf sind die Verteilungsgerechtigkeit, die nach Verteilung von Arm und Reich fragt, die Chancengerechtigkeit, die meine Möglichkeiten in den Blick nimmt, die Teilhabegerechtigkeit, die über Mitbestimmung entscheidet und die Anerkennungsgerechtigkeit, die der Beschämung entgegentritt. Und nicht zu vergessen: die Bedarfsgerechtigkeit, also die Frage, was jemand wirklich benötigt. Mit einem Blütenblatt schaut unsere Blume nichts gleich, ohne all die anderen Blätter wäre ihre Schönheit zerstört. Gerechtigkeit ist eine Blume, deren Blüte viele Blätter hat.